Angela Merkel kann da heutzutage schon auf mehr politische Korrektheit hoffen: Nicht gerade zimperlich gingen niederländische Karikaturisten mit Maria Theresia um. Männer zerren an der jungen Frau und reißen ihr die Kleider vom Leib. Der Busen ist schon freigelegt, einer greift ihr keck in den Schritt. Das Bild symbolisiert die Bedrängnis der Monarchin durch den Erbfolgekrieg, den die Machtübernahme der Erzherzogin - zur Kaiserin wurde Maria Theresia ja nie gekrönt - in Europa ausgelöst hat.

Diese Karikatur ist in der Ausstellung "Maria Theresia. Habsburgs mächtigste Frau" zum 300. Geburtstag der Kaiserin in der Wiener Nationalbibliothek zu sehen. Die Schau zeichnet - ausschließlich mit Material aus dem eigenen Haus - ein ambivalentes Porträt dieser prägenden Herrscherin. Auf der einen Seite beleuchtet sie mit vielen Exponaten ihre üppigen Errungenschaften, etwa die Schulpflicht oder die Schaffung eines einheitlichen Wirtschaftsgebiets im Habsburgerreich. Auf der anderen Seite ignoriert die Ausstellung etwa aber auch nicht, dass unter Maria Theresias Herrschaft die Juden aus Prag vertrieben und Geheimprotestanten aus dem Salzkammergut und Kärnten nach Siebenbürgen umgesiedelt wurden.

Pyrotechnik und Einhorn

Ein Höhepunkt der Schau ist sicher der große oder besser gesagt lange Erbhuldigungs-Kupferstich ("Zug von Hof nach St. Stephans Thomkirchen"), der einem Prachtband entstammt, dessen Restaurierung durch Crowdfunding finanziert wurde. Er gehört zu einem Konvolut von Exponaten, die Maria Theresias Dienstantritt und seine turbulenten militärischen Folgen für das Reich dokumentieren. Ein Brief ist da etwa zu sehen, in dem sie an ihren Mann Franz Stephan - den sie zwar zum Mitregenten machte, aber "ohne uns jedoch im Geringsten des Eigentums unsere Rechte und Erbländer zu begeben" - den Kriegsverlauf referiert. Gezeichnet "Euer königliche Hoheit und Liebden geträuliche gemahlin Maria Theresia".

Auch die große Kinderschar (16) der Kaiserin hat einen Platz in der Ausstellung. So werden einzelne Handschriften-Blätter des kaiserlichen "Lehrplans" "Institutio archiducalis" gezeigt und man erfährt, dass neben Typographia und Navigatio auch Pyrotechnia den jungen Erzherzögen beigebracht wurde. Ein weiteres Blatt widmet sich dem Tierreich, neben dem Elefanten findet sich auch ein Einhorn (Monoceros).

Ein Kapitel der Ausstellung erinnert an die Volksbelustigungen, die in maria-theresianischer Zeit en vogue waren: vom Prater, der ab 1766 öffentlich zugänglich gemacht wurde, über das Tierhetztheater bis zur Menagerie der "seltenen Thiere" in Schönbrunn, die ab 1778 an Sonntagen für das Volk geöffnet wurde - wenn es anständig gekleidet war.

Das dickste Buch der Ausstellung liegt nicht etwa bei den naturwissenschaftlichen Forschungen von Franz Stephan oder in der Vitrine mit den Schulordnungen - es ist der Index der verbotenen Bücher, den Gerard von Swieten für Maria Theresia zusammengetragen hat. Ein Job, der van Swieten fertigmachte, wie ein Brief an die Kaiserin beweist: "16 Jahre Zensur haben meine Kräfte geraubt."

Wider die Erbsünde

Apropos Bücher: Zu sehen ist auch eine Ausgabe von Giacomo Casanovas "Geschichte meines Lebens", aufgeschlagen auf jenen Seiten, in denen Maria Theresias erzkatholische Moral ("die wahrhaft große und echt religiöse Herrscherin hasste überhaupt die Erbsünde") zitiert wird: "Wer nach den Vergnügungen der Liebe ein Begehren fühlt, nun der soll sich verheirathen; aber Tod denen, die es sich für ihr Geld verschaffen wollen."

Das Potenzial, eine so vielschichtige wie einzigartige weibliche Identifikationsfigur abseits von bloßen Schlaglichtern ins Heute zu holen, wird hier aber leider nicht ausgeschöpft. Trotz aller Bemühungen - so ist ein nettes Detail eine Vitrine, die andere starke Frauen der Epoche vor den Vorhang holt, etwa die Mathematikerin Maria Gaetana Agnesi. Wer sich mit einem zugegeben luxuriös illustrierten historischen Schnelldurchlauf zum Jubiläum zufrieden gibt, der ist mit dieser Schau gut beraten. Wer mehr will, muss vielleicht noch auf die weiteren zahlreichen Veranstaltungen dieses Jubeljahres warten.