Kleidung folgt für gewöhnlich einer kulturellen Evolution. Zunächst startet etwas als Ausdruck von politischem Protest, dann wird es vom Mainstream akzeptiert und landet schließlich als Luxusartikel in teuren Boutiquen oder auf den Grabbeltischen von Ramschläden: So geschah es mit Che-Guevara-Shirts, die sich einst protestierende 68er überstreiften, um sich mit der Ikone der kubanischen Revolution zu solidarisieren, und die heute von Touristen ebenso getragen werden wie von Stars wie Carlos Santana bei der Oscar-Verleihung. Und so war es auch mit dem Parka, der einmal für Nonkonformismus stand und heute konformistischer nicht sein könnte.

Bei Sneakers verläuft die Entwicklung umgekehrt: Sie begannen als praktische, stromlinienförmige Sportartikel, die ihren Weg über das Luxussegment bis hinein in den Spitzensport fanden. Legendär sind die goldenen Spikes, die Michael Johnson bei seinen 200- und 400-Meter-Läufen 1996 bei den Olympischen Sommerspielen in Atlanta trug, oder die extrem lässigen, halbhohen "Air Jordans", jenes Modell, in dem der Basketballer Michael Jordan in den Neunzigern über das Parkett schwebte und seine Dunks warf und die heute in einer etwas pompös geratenen Retro-Version auf den Markt gekommen sind.

Entzündete Sohlen

Das Brooklyn Museum in New York hat die Sneaker-Kultur in einer sehenswerten Schau nachgezeichnet. Auch wenn Sneakers heute von Luxusmarken wie Gucci oder Prada vereinnahmt werden, wächst ihnen zunehmend politische Bedeutung zu. Nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten zündeten wütende Kunden der Marke New Balance ihre Schuhe an. Der Grund: Eine Sprecherin des Unternehmens hatte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter öffentlich Partei für Trump ergriffen, weil dieser die handelspolitischen Pläne der Firma unterstützte. Das verärgerte die Verbraucher. Das Fass zum Überlaufen brachte ein Neonazi-Blog, in dem New-Balance-Sneakers zu "offiziellen Schuhen weißer Menschen" erklärt wurden. Für das Unternehmen war es ein PR-GAU. In sozialen Netzwerken machten Videos die Runde, wie Besitzer der New-Balance-Marke ihre nagelneuen Schuhe in Brand steckten oder symbolisch in den Mistkübel warfen. Man muss heute nicht mehr auf die Straße gehen, um seinen Protest kundzutun. Es genügt eine Verbrennungsaktion, die über soziale Medien viral wird. Ironisch gewendet: Für die Abstimmung mit den Füßen braucht es kein Schuhwerk mehr.