Die Kälte greift um sich in den Gemälden von Pieter Brueghel - sowohl in denen des Älteren als auch in jenen des Jüngeren. Eis und Schnee durchziehen sie als Thema. Das ist dermaßen auffällig, dass die Frage naheliegt, welchen realen Hintergrund es dafür gegeben haben mag. Der Historiker Philipp Blom spürt dem nach in seinem Buch "Die Welt aus den Angeln" und schreibt damit die "Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700". Ein Sachbuch, das sich spannender liest als viele Romane - und auch stilistisch um Klassen besser geschrieben ist als der überwiegende Teil der heute gedruckten und schnell wieder vergessenen Belletristik.

Mönch, Magier und Shakespeare

Blom, 1970 in Hamburg geboren, studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford. "Der taumelnde Kontinent", das maßgebliche Werk über Europa in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, machte seinen Namen bekannt, Bücher über Sammelleidenschaft ("Sammelwunder, Sammelwahn") und den Afrikaner in Wien "Angelo Soliman" gehören zum Besten, was an der Schnittstelle von Geschichtswissenschaft und Essayistik existiert. Das neue Werk über die Kleine Eiszeit schließt würdig an Bloms bisherige Bücher an.

Übertrifft es sie am Ende sogar noch? - Allein dieses Personeninventar, das sich ausnimmt, als habe Blom die Bilder der Breughels übertreffen wollen an Fülle der Gestalten: Flüchtende Mönche und brennende Hexen; John Dee, der Londoner Faust; die Dramatiker William Shakespeare und John Webster; der Philosoph Baruch de Spinoza und der Aufklärer Voltaire. Die Menschen im Bann der Bücher mit ihren Gruselgeschichten um Doktor Faust und reißerischen Mitteilungsblättern mit Balladen und detailfreudig ausgestalteten Schreckensbildern für alle, die sich mit dem Lesen etwas schwertaten.

Teufel und Tod, Verhängnis und Not überall. Hat Gott sich abgewendet und lässt diese Welt fallen? - Oder verwandelt sie sich mit dem Heraufdämmern von Vernunft und Wissenschaft in etwas anderes?

Bloms großes Verdienst ist, das Sachbuch aus der kühl distanzierten Mitteilungsprosa heraus in die Nähe der erzählerischen Gestaltung zu führen. So geht er ganz nahe heran an den Rabbiner Schabbatai Zevi, der sich als Messias verkündete und verarmt starb. Oder er porträtiert John Locke als Machiavelli der Menschenrechte: Wenn sie brauchbar sind, möge man sie anwenden, wenn nicht, dann sagt Locke: "Jeder freie Bürger der Carolinas hat absolute Macht und Autorität über seine Negro-Sklaven."

Alles Vergangene
ist nur ein Gleichnis

Blom gelingt das einzigartige Panorama eines Europa, auf dem eine Decke von Frost liegt, deren Druck die Kälte des Eises zur Siedehitze der Seelen presst. Dann schwenkt Blom ein in den Epilog, in dem er seine historischen Beobachtungen in einen Spiegel unserer Gegenwart verwandelt: "Wir reagieren auf den Klimawandel kaum effizienter als unsere Vorfahren, die ihn nicht verstanden", schreibt Blom und: "Im spätfeudalen Europa war es der Einbruch der Getreideernten. Heute stößt die Ausbeutung natürlicher Ressourcen an ihre Grenzen oder hat diese längst überschritten." Und mit einem Mal ist die ganze historische Landschaft, die Blom in so vielen Einzelheiten beschrieben hat, nur ein Gleichnis für eine andere Welt, die aus den Angeln geraten ist - und diese Welt ist jene unserer Gegenwart.

Sachbuch

Die Welt aus den Angeln

Philipp Blom

Carl Hanser Verlag, München 2017, 302 Seiten, 24 Euro