So gewinnt der Hintergrund der Mona Lisa neue Qualität. : CC/Leonardo Da Vinci, Fotolia/Jaroslav Machacek
So gewinnt der Hintergrund der Mona Lisa neue Qualität. : CC/Leonardo Da Vinci, Fotolia/Jaroslav Machacek

Reges Treiben herrscht wieder auf der Agora in Athen. Der Tuchhändler ruft seine Ware aus und versucht, den Sklavenhändler zu übertönen. Welch Wettstreit der heisergerufenen Kehlen und überschnappenden Stimmen! Der Wollhändler, dort vor der Süd-Stoa, hat neue Ware, ein Mann steht bei ihm und feilscht um den Preis, obwohl er, man sieht es ihm an, jeden zahlen könnte. Ein Korbhändler drängt sich durch. Er stößt gegen den Tisch des Tonwarenverkäufers, der gerade noch, laut ihm fluchend, eine schwarze Schale auffangen kann, ehe sie am Boden in Scherben bricht. Da verkauft einer Tauben, dort bietet einer duftendes Öl in bunt bemalten Amphoren feil. Schnell hin zum Edelsteinhändler, eben legt er die feinsten Juwelen aus Kleinasien auf dunklem Tuch aus. Was sind das für seltsame Gestalten? - Viele bezeigen ihnen Respekt, andere schreien ihnen Zoten nach. Sokrates mit seinen Schülern ist es, einer, Platon, geht neben ihm, hastig ritzt er die Worte seines Lehrers in Wachstafeln, um sie der Nachwelt zu bewahren. Von Stand zu Stand geht Sokrates. "Sieh nur", sagt er, "wie viele Dinge die Athener zum Leben brauchen", und zeigt auf ein goldenes Diadem, "sieh, was sie alles brauchen", er weist über die Agora, auf der es still geworden ist, wie stets, wenn Sokrates spricht, "das alles brauchen die Athener zum Leben", sagt er, mancher nickt mit dem Kopf. Dann ruft der Philosoph aus: "Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf." Spricht es, und verlässt die Agora, ohne die Waren eines Blickes, und sei es nur eines der Verachtung, zu würdigen.

Der kleine Verzicht lehrt Großes

Aschermittwoch - Beginn der christlichen Fastenzeit, die dem Osterfest vorausgeht. Doch das Fasten ist keine Erfindung der Christen, und auch der Verzicht ist nichts, was mit einem Glauben zusammenhängt. Fasten ist eine Form des Verzichts in Zusammenhang mit der Ernährung. Die entschlackende Wirkung des kontrollierten Fastens ist längst nachgewiesen, doch hier interessiert uns der Überbau, der Verzicht, der ein feiner Lehrmeister in der Schule der Wahrnehmung ist.

Verzicht geschieht freiwillig. Der Verzicht des Fuchses auf die Trauben, die er vor sich selbst als zu sauer ausgibt, ist kein Verzicht. Denn die Trauben hängen in unerreichbarer Höhe. Der Fuchs verzichtet nicht, er steckt eine Niederlage ein, die er zum Verzicht auf den Sieg umschwindelt. Vielleicht hätte er die Hilfe eines Esels annehmen sollen, doch das wäre eine weitere Fabel gewesen - eine dritte, was den Fuchs veranlasst, statt Huhn zu verspeisen, sich einer Traubenkur unterziehen zu wollen? Sollte da doch ein Verzicht im Vorfeld stattgefunden haben, den Äsop fuchsfeindlich verschweigt?

Verzicht ist, vor der Heiner-Auslage zu stehen und keinen Marzipankartoffel zum Nachmittagskaffee mitzunehmen; Verzicht ist, nicht zu Popp & Kretschmer hineinzuschauen, und der noch größere Verzicht ist, bei Popp & Kretschmer hineinzuschauen, das Armani-Kleid zu probieren und es dennoch nicht zu kaufen, obwohl es wie auf den Leib geschneidert passt und im Preis leistbar wäre; Verzicht ist, dem Händler am Flohmarkt die Art-déco-Schale nicht abzukaufen, obwohl sie preisgünstig wäre. Verzicht ist, sich etwas nicht zu gönnen, was mühelos man sich gönnen könnte.

Doch weshalb soll man verzichten? - Gibt es ein Quid pro quo in der selbstauferlegten Beschränkung, einen Gewinn? Steckt tiefere Einsicht im Verzicht?

Neue Bewertungen

Kaiser Marc Aurel sagt in seinen "Selbstbetrachtungen": "Arm ist nicht jener, der wenig hat; arm ist jener, der viel wünscht." Der Erwerb von Besitz zieht die Lust nach sich, noch mehr zu erwerben, denn: "Wer viel hat, der hat nie genug", sagt der deutsche Komponist Carl Orff im Libretto zu seiner Oper "Die Kluge". Mehr erwerben aber bedeutet nicht, mehr zu besitzen, denn Kaufen ist nur der Tausch von Geld gegen Gut. Das ist kein realer Zuwachs von Wert, und dem Leben gewinnt es nur in Ausnahmefällen neue Aspekte ab.

Der Verzicht indessen eröffnet ungeahnte Perspektiven. Zum Beispiel die Schau auf das, worauf man verzichtet. Was immer es ist, es bekommt eine neue Qualität, einen neuen Wert, der höher sein wird als der, den man zuvor zugemessen hat. So gibt man dem vermeintlich Alltäglichen die Aura des Besonderen wieder.

Mühelos kann man das selbst ausprobieren, indem man auf ein Nahrungsmittel eine Zeit lang verzichtet. Eine Woche ohne Fleisch erzeugt beim ersten Fleisch nachher eine Geschmackserfahrung, die man nicht mehr missen will. Um nicht in den Verdacht eines Predigers der vegetarischen oder veganen Ernährung zu verfallen: Es funktioniert mit jedem Nahrungsmittel, ob Erdäpfel, Brot oder Schokolade. Wer häufig Coca Cola trinkt, hat sich an den Geschmack längst gewöhnt, er erfährt dadurch kein Erlebnis, keinen Gewinn an Wohlgefühl - eine Woche (oder länger) auf Coca Cola verzichten, dann erst weiß man wieder, warum man dieses Getränk so schätzt.

Auf anderer Ebene praktiziert das der bulgarische Künstler Christo, wenn er Gebäude verpackt. Er schärft den Blick auf das Normale, indem er das Auge zwingt, auf das Normale zu verzichten. "Man verliert nicht immer, wenn man entbehrt", sagt Johann Wolfgang von Goethe in "Wilhelm Meisters Lehrjahre". Der Gewinn der absichtlichen Entbehrung liegt in der Umwertung des Gewohnten.