Wien. Die deutsche Journalistin Carolin Emcke stellt in ihrem Buch "Gegen den Hass", für das sie den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt, eine düstere Diagnose. Es herrsche ein schamloser Umgang mit Hass, offen gerichtet gegen Personengruppen wie Ausländer, Frauen und Schwule, wie sie ihn noch vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Dieser Hass tarne sich mit dem Gefühl der Sorge. Einer Sorge um ihrer selbst willen, entsprechend etwa der Angst, von der Erde zu fallen. Das wäre eine begründete Sorge - wäre die Erde eine Scheibe. "Das ist in sich absolut schlüssig. Nur: Die Erde ist keine Scheibe." Der Hass als Wolf im Sorgenpelz.

Zur zweiten Veranstaltung der "Open Space" Diskussionsreihe hat Kulturminister Thomas Drozda Carolin Emcke ins Bundeskanzleramt eingeladen. Dort diskutierten beide Mittwochabend mit Isolde Charim vom Bruno Kreisky Forum. Drozda stimmte Emcke bei, dass heute offener gehasst werde. Beide sind sich einig, dass die Gründe in der zunehmenden sozialen Ungleichheit liegen, die sich mit der Finanzkrise zugespitzt habe. Drozda diagnostiziert: "Die gesellschaftliche Grundbefindlichkeit hat sich deutlich nach rechts verschoben." Was solche Ressentiments angeht, sei man in Österreich "traurige Avantgarde". Die wirklichen Adressaten für die unbeantworteten Fragen nach der Finanzkrise seien, so Emcke, in einer globalen Welt schwer auszumachen. So sei es eine "kognitive Bequemlichkeit, Rassist zu sein".

Für Carolin Emcke ist der rechte Diskurs deshalb so schwer zu greifen, weil er selbstmitleidig und brutal sei. Diese "perfide Gleichzeitigkeit" mache es schwer, darauf zu reagieren, und verleite dazu, die Brutalität angesichts des Selbstmitleides zu unterschätzen. Am Ende ihres Buches plädiert sie für das Unreine, für die Unterschiede. Aber müsse man die feiern, könne man sie nicht einfach hinnehmen?, fragte Isolde Charim.

Ansteckende Kopftücher

Das Privileg einer freien Gesellschaft bestünde darin, dass man sich nicht mögen, ja nicht einmal verstehen müsse, so Emcke. Nur muss sichergestellt sein, dass die Eigenheiten des anderen so geschützt seien, wie die eigenen. Hier herrsche eine merkwürdige Angst vor Ansteckung, "als ob das Kopftuch rüberwachsen würde".

Eine Wortmeldung aus dem Publikum bewegte die gleiche Sorge, ob wir das denn schaffen könnten, das Andere zu lieben? "Gleiche Wertschätzung ist gar nicht nötig, nur leben lassen und zugestehen, dass auch das eine Variation des Menschseins ist". Das würde für Carolin Emcke schon ausreichen.

Die Grünen-Europaabgeordnete Ulrike Lunacek fragt, wie mit dem Hass umzugehen sei, wenn Wahrheiten nicht mehr zählten. Ihre Erfahrung im Europaparlament zeige, dass man mit Argumenten gegen Glaubenssätze nicht ankäme. "Wenn ich darauf eine Antwort hätte, hätte ich den Preis verdient, den ich schon bekommen habe", lacht Emcke. Keinesfalls dürfe man das sachliche Argumentieren unterlassen, selbst wenn man sein Gegenüber nicht überzeuge: "Wer wären wir denn, wenn wir aufhörten, zu argumentieren." Drozda will die Werte der Aufklärung nicht aufgeben und Emotionen das Feld überlassen.

Im Publikum werden politischen Alternativen seitens der Sozialdemokratie vermisst. Drozda bittet um Geduld. "Wir haben vor neun Monaten mit den Aufräumarbeiten begonnen und mit dem Versuch, die Sozialdemokratie neu zu erfinden."

Emcke sieht das Problem auch in der Defensive, in die man durch die Aggressivität der anderen gedrängt werde, und hat dafür nur eine Lösung: Demokratie in kleinen Dosen verabreichen. "Ich glaube wirklich, man muss jetzt wieder mit kleinen Portionen herumlaufen: Das ist Demokratie, das schmeckt." Eine solche Auseinandersetzung finde nicht mehr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und auch nicht im Internet statt. Ihrer Erfahrung nach sind es Diskussionsrunden wie diese, die im direkten Dialog gegen den Hass arbeiten.

Carolin Emcke hält am 19. Mai einen Vortrag bei den Wiener Festwochen.