Man nehme: drei Köche. Der eine ist Chefkoch und lässt seine Kreationen in exquisiten Lokalen kredenzen. Der zweite verdingt sich in einer Nudelküche. Und Nummer drei ist eine Frau. Sie kocht zuhause und bekommt keinen Lohn. Warum ihre Arbeit nicht angemessen honoriert wird? Ihre Dienstleistung für die Gesellschaft wird als natürlich gesehen, als Erfüllung ihrer weiblichen Rolle, und – so würde Pierre Bourdieu vielleicht noch hinzufügen – als Behauptung dominanter männlicher Erwerbsarbeit.

Als einer der wenigen Männer im Wissenschaftsbetrieb wagte sich Pierre Bourdieu auf das Terrain der Geschlechterforschung. Der französische Soziologe war ein Kind der Arbeiterklasse, sein wissenschaftliches Interesse galt daher vor allem den Ursachen von Ungleichheit und Unterdrückung. In seinem 1979 erschienenen Werk "Die feinen Unterschiede" entwickelte er Werkzeuge, um Mechanismen der Abgrenzung zwischen gesellschaftlichen Schichten aufzuzeigen. Macht stand dabei im Mittelpunkt, die als materielles und symbolisches Kapital soziale Klassen gegeneinander abgrenzt und auch innerhalb der Klassen wirkt.

Seine empirischen wie theoretischen Werkzeuge verwendete er vier Jahre vor seinem Tod 2002 in seinem Buch "Die männliche Herrschaft" (auf Deutsch erschienen posthum 2005). Es folgte eine Welle der Entrüstung seitens französischer Feministinnen. Wie es ein Wissenschafter wagen könne, sich Frauenthemen anzunehmen und gender gar als "trivial" zu bezeichnen. In der Tat: Bourdieu konnte dem sozialen Geschlecht nicht viel abgewinnen. Er sah darin eine Verkehrung von Ursache und Wirkung.

Träger Wandel

Fast zwanzig Jahre später haben sich die Wogen geglättet und Bourdieus Arbeit wird als wichtiger Beitrag im politischen Kampf für Frauenrechte rezipiert. Das neue Interesse an seiner Arbeit liegt wohl auch darin begründet, dass Bourdieu in dem Buch vor allem den Ursachen für den trägen Wandel im Umgang zwischen den Geschlechtern nachgeht.

Sicherlich: Heutzutage ist die männliche Herrschaft nicht mehr in dem Maße selbstverständlich wie noch vor 50 Jahren. Frauenrechte sind nicht wirkungslos geblieben, aber in Stein gemeißelt sind sie auch nicht. Wie schnell es gehen kann, dass emanzipatorische Errungenschaften wieder in Frage gestellt werden, sieht man heute in aller Deutlichkeit.

Einen Grund dafür sieht Bourdieu darin, dass im Recht und in seiner Anwendung sich nur das Bewusstsein, sich nur Ideen einer Gesellschaft spiegeln. Doch die männliche Herrschaft geht tiefer. So sind ihm zufolge die Unterschiede zwischen den (biologischen) Geschlechtern kulturell erzeugt. Sie haben sich in einem langen Sozialisationsprozess verfestigt und werden unter anderem durch Institutionen wie Religion oder Schule aufrechterhalten.