Luxuriöse Einladung zum Geldausgeben: Gerngross. - © Jüd. Museum
Luxuriöse Einladung zum Geldausgeben: Gerngross. - © Jüd. Museum

K.u.K. Hoflieferant kann ja jeder sein. Aber den Schah und den Sultan auch noch beliefern, das kann nur Knize. Das ist aus einem Exponat der neuen Ausstellung "Kauft bei Juden! Geschichte einer Wiener Geschäftskultur" im Jüdischen Museum Wien ersichtlich. Die zugrunde liegende Frage ist "Was bleibt?" Und Kuratorin Astrid Peterle beantwortete sie wehmütig: Es bleibt nichts.

Der Name Knize ist zwar nach wie vor präsent am Graben, aber Namen wie Rothberger, Neumann, Zwieback, Goldman & Salatsch und Dichter sind heute nur mehr stadthistorisch Informierten ein Begriff. Kein einziges der großen Kaufhäuser mit jüdischen Wurzeln besteht mehr - außer Gerngross. Dabei waren sie vom Ende des 19. Jahrhunderts bis vor den Zweiten Weltkrieg prägende Institutionen der Kaufkultur. In diesen Kaufhäusern kleidete sich Wien ein - in vielen sogar das Kaiserhaus. Erst die Nazis beendeten diese Ära - die jüdischen Gründer und Besitzer waren gezwungen, ihre Geschäfte zum Spottpreis zu verkaufen, vielen gelang die Flucht, nicht wenige wurden ermordet. Restitutionen verlaufen sehr schleppend.

Salzgries-Sortiment

Doch es braucht nicht immer Nazis, um Kultur auszulöschen. Manchmal sind es auch der Zeitgeist, die technische Entwicklung und das ganz böse Wort, die Gentrifizierung. Das Textilviertel um den Rudolfsplatz, noch in den 90ern Paradies für Freunde der liebevoll-altmodischen Schaufenstergestaltung, war an sich schon eine Auslage: Für eine Wiener jüdische Gemeinde, die sich nach dem Krieg aufrappelte. Es gab das "typische Salzgries-Sortiment": Socken, Unterwäsche, Pyjamas, Bettzeug und ein Produkt, das als Symbol des Niedergangs dieser Zunft gelten kann: das Stofftaschentuch. Heute sind dort nur mehr vereinzelt einschlägige Geschäfte zu finden, die meisten sind Bars oder Designstores. Zuletzt verlor das Grätzl einen auffälligen Fixpunkt: das sehr blaue, aus der Zeit gefallene Eckgeschäft Zalcotex gegenüber dem Cine-Kino, in dem es seit den 50er-Jahren Hemden in Weiß, Beige und Blau zu kaufen gab. Seit kurzem ist auch das ein Hipsterimbiss.

Das Schild der Firma Zalcotex hat das Jüdische Museum nun für die Dauer der Ausstellung an seiner eigenen Fassade angebracht. Ein liebevoll-nostalgischer Zugang. Er zieht sich durch die Schau, die das Spannungsfeld zwischen dem Glamour der Großkaufhäuser und der familiären Kleinbetriebe des Textilviertels reizvoll bearbeitet.

Ein besonderes Faible haben die Kuratorinnen für Ella Zirner-Zwieback, Besitzerin der Maison Zwieback. Sie hat als einzige Frau Karriere als Kaufhausdoyenne gemacht. Die Schau weist darauf hin, dass Kaufhäuser für Frauen nicht nur Konsumziele waren, sondern auch Berufschance. Hier gab es Arbeit als Verkäuferin, Probiermamsell oder Schneiderin. Was auch Anlass gab für antisemitische Bosheiten, die in Schlaglichtern durch die Schau verteilt auftauchen.

In Schaufenstern mit kleinen Markisen werden die Häuser vorgestellt, manche klein wie Braun & Co, jenes Geschäft am Graben, das noch heute an den Glanz von früher erinnert - wenn auch jetzt mit schwedischen Wegwerfmode-Mietern. Manche ausführlicher, wie Goldman & Salatsch, die Adolf Loos ihr Kaufhaus am Michaelerplatz gestalten ließen, was bekanntlich zu einem beispiellosen Architektur- und Ästhetikskandal führte.

Grammophonbeschallung

Auch Gerngross ist ein großes Schaufenster gewidmet, immerhin war es das erste Kaufhaus in Wien mit "rollenden Teppichen", also Rolltreppen. Ein riesiges Foto aus den 20er Jahren macht die einladende Architektur mit ihren Showtreppen und Galerien deutlich. Daneben ein Werbeplakat mit dem bodenständigen Slogan: "Es gibt nur an Steffl, es gibt nur a Wien, es gibt nur an Gerngross und dort gehn wir hin."

Zeit nehmen sollte man sich auch für die Interviews, einmal mit Komponist Walter Arlen, der vom Grammophonfräulein Marie in seines Großvaters Kaufhaus Dichter beim Brunnenmarkt erzählt. Und die Berichte von Zeitzeugen aus dem Textilviertel, wie Susi Zloczower von "Ferman - Das Hemd", deren Vater die Angebot-Nachfrage-Chose so sah: "Wenn der Kunde einen Elefant will, dann kriegt er einen." Die Ausstellung zeichnet das Bild einer verschwundenen Welt, schillernd und mit Patina. Wenn man danach vis-a-vis vom Stephansdom vergeblich das Kaufhaus Rothberger sucht, denkt man vor dem nächsten Onlineshopping vielleicht zweimal nach.

Ausstellung

Kauft bei Juden! Geschichte einer Wiener Geschäftskultur

Jüdisches Museum Wien