Pizza mit Schinken und Ananas! Pepe Mattera, Pizzaiolo in Neapel, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Das muss er Mamma erzählen! Und Henry G. Hermges, der das Gericht bestellen wollte, kann von Glück sagen, dass sich "Neapel sehen und sterben" für ihn nicht eben bewahrheitet hat. Mit einem "cretino stupido" ist er eigentlich recht gut ausgestiegen.

Dass die Pizza Hawaii ab Mitte der 60er Jahre einen Siegeszug antreten würde und heute in Australien die meistverkaufte Pizza ist, konnte damals niemand ahnen.

Damals nämlich galt den Italienern die Pizza Hawaii als Verrat an der Pizza. Sie war der Judas der Fladenfamilie, die ohnedies genug ungeratene Mitglieder hatte. Der Erfinder der Pizza Hawaii ist jetzt am 8. Juni gestorben. Sam Panopoulos hieß er. Einem Pizzaiolo, also einem Pizzabäcker, zumal einem aus Neapel, verhieß der Name gleich nichts Gutes: Ein Grieche soll Pizza backen können? Noch dazu ein Grieche, der in der ersten Hälfte der Fünfzigerjahre nach Kanada ausgewandert war? Und dieser nach Kanada ausgewanderte Grieche übertrug den "Toast Hawaii", die Erfindung des deutschen Fernsehhochs Clemens Wilmenrod (accidenta a lui!), auf die Pizza. Ananas steht für Hawaii, schon klar. Aber Pizza mit Ananas? - Porca miseria!

Ein nationales Anliegen

Zumal die Pizza den Italienern, und ganz besonders den Neapolitanern, sowieso ein Anliegen von nationaler Bedeutung ist. Eine echte Pizza napolitana nämlich tritt original nur in zwei Gestalten auf, als Pizza marinara (Pizza nach Seemannsart) und als Pizza Margherita. Die Pizza marinara kennt als Belag nur Paradeiser, Öl, Knoblauch und Oregano. Die Pizza Margherita erfand der Pizzaiolo Raffaele Esposito im Juni 1889: Benannt zu Ehren der italienischen Königin Margherita von Savoyen anlässlich ihres Besuchs in Neapel, spiegelt sie im Belag die italienischen Farben: Grün ist das frische Basilikum, weiß der Mozzarella, rot die Paradeiser-Grundierung.

So nebenbei: Was würde die italienische Küche machen, hätte es Christoph Columbus nicht gegeben? Dessen Gaumen war nach wochenlangem Schiffszwieback und Pökelfleisch kaum besonders verfeinert, aber was, wenn er nicht diese Pflanze namens Tamatl mitgebracht hätte, die man in Italien "Liebesapfel" nannte (den "pomo d’amore" verschliff man zu einem pomodoro) und am Hof der Habsburger einen Apfel aus dem Paradeis, also einen Paradeiser? Wäre das italienische Nationalgericht dann am Ende Pulsum aus Kichererbsen und Gerste, gewürzt mit Liebstöckel, Selleriesamen und Weinraute, abgeschmeckt mit Honig und Fischsoße, wie es die Römer aßen (schlecht schmeckt das fürwahr nicht)? Einerseits war’s so wohl nicht gedacht, aber die Seefahrer-Pizza, die marinara, sei in Zukunft nur noch als Kolumbus-Gedächtnisessen verzehrt. Andererseits wäre das altrömische Pulsum bodenständiger als die Pizza.