Der mittlerweile verblichene deutsche Großschriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass hat 2012 unter dem Titel "Was gesagt werden muss" ein törichtes Gedicht veröffentlicht, in dem er gegenüber Israel eine pseudo-moralische Pose einnahm: Es müsse endlich gesagt werden, dass "die Atommacht Israel den Weltfrieden gefährdet" und ein "Recht auf den Erstschlag" behauptet, der "das iranische Volk auslöschen könnte". Daraufhin hat ihm der Wiener Kolumnist Hans Rauscher im "Standard" ordentlich eines übergebraten. "Grass und all die ,Das wird man ja noch sagen dürfen‘-Zeitgenossen wollen im Grunde die bleibende Verantwortung für die Folgen des größten Verbrechens der Weltgeschichte abschütteln", ätzte Rauscher - völlig zu Recht - gegen Grass.

Heute, fünf Jahre später, ist Rauscher offenkundig selbst unter die "Das wird man ja noch sagen dürfen"-Zeitgenossen gegangen. Sein jüngstes Buch trägt nämlich den merkwürdigen Titel: "Was gesagt werden muss, aber nicht gesagt werden darf". Merkwürdig ist der Titel, weil Rauscher hier auf etwa 150 Seiten ausführlich ausführt, was seiner Meinung nach unbedingt gesagt gehört, ganz besonders zur Zuwanderung, zu Frauen, zum Journalismus, zur Political Correctness, zu Israel und einem ganzen Sack anderer Themen, ohne dass ihn irgendjemand im Geringsten daran hindern würde, zu sagen, was er will, wie er will, wie oft er will.

Das Buch ist im Handel erhältlich, wird über Amazon ins Haus geliefert und wurde da und dort auch bereits rezensiert - was hier "nicht gesagt werden darf", erschließt sich dem Leser nicht im Geringsten. Rauschers Buch ist ja sozusagen die Widerlegung seiner titelgebenden These. Sei es drum. Inhaltlich erweckt das Buch ein wenig den Eindruck, hier würde einer der wesentlichen Kommentatoren des Landes den Versuch unternehmen, seine Positionierung innerhalb des Meinungsspektrums etwas zu korrigieren, vor allem in der Frage der Zuwanderung. Was ganz interessant im Detail zu beobachten ist.

Der Autor ist flexibel

Führte er etwa im Herbst 2015 den hypermoralisierenden Begriff des "Schutzerflehenden" (statt Zuwanderer, Asylwerber oder wenigstens Schutzsuchender) in den hiesigen publizistischen Diskurs ein, lesen wir heute, der populistische Wähleraufstand sei auf die "Bedrohung traditioneller Lebensstile durch Zuwanderung" verursacht. - Schnöde Zuwanderung? Und wir dachten, "Schutzerflehende" seien das allesamt? Auch sonst zeigt sich der Autor flexibel. Lasen wir im September 2015 noch: "Eine ,Völkerwanderung‘? Der Begriff trifft die Sache nicht", so fragte er im Jänner 2017 bereits: "Wie soll man mit der neuen Völkerwanderung umgehen?" (Beides im "Standard"). Und gibt jetzt in seinem Buch die Antwort: "Echte Kriegsflüchtlinge sind nur ein Drittel." Für die große Mehrheit der Österreicher, befindet er, sei "die Zuwanderung zu viel". Vor allem die islamische Zuwanderung: "Die Europäer wollen keine muslimische Zuwanderung mehr. Basta."

Denn: "Der europäische und der muslimische Lebensstil sind nicht problemlos vereinbar." Rauscher schließt daraus heute in seinem Buch, was er 2015 den "Schutzerflehenden" nicht einmal ansatzweise zumuten wollte: "Irgendeine Lösung mit Lagern in Nordafrika wird es bald geben müssen." Auch wenn die Verwendung des Begriffes "Lager" in einem derartigen Kontext eine frühere Hans-Rauscher-Version zum prompten Auspacken der Nazi-Keule getrieben hätte, hat er damit natürlich vollkommen recht.

Nur, dass dergleichen "nicht gesagt werden darf", mag vielleicht noch für letzten willkommenskulturellen Rückzugsbiotope im Wiener Bobo-Milieu des achten Bezirkes gelten, im ernsthafteren politischen Diskurs ist diese Forderung mittlerweile Allgemeingut. Dass das Buch trotz der Prominenz seines Autors (noch?) kein rechter Bestseller geworden ist, könnte daran liegen, dass Rauscher sein "Rebranding" permanent relativiert, passagenweise gar den Eindruck erweckt, er fühle sich nicht eben pudelwohl dabei. Was freilich eher als Indiz für die Redlichkeit seiner Absicht verstanden werden sollte.

Sachbuch

Was gesagt werden muss,
aber nicht gesagt werden darf

Hans Rauscher, Ecowin

152 Seiten, 18 Euro