Sieben Medizinstudenten sitzen im Halbkreis um ihren Professor. Sie haben keine Bücher. Sie schreiben nicht mit. Anhand von Merksätzen (vielleicht mit Endreimen, durch sie wird ein Text einprägsamer) lernen sie gerade die Grundbegriffe der Herztransplantation.

Oder diese Szene: Die drei Anglistik-Studenten brauchen kein Lehrbuch. Sie hören der Dozentin nur zu. Die Vokabel merken sie sich durch mehrfaches Wiederholen, auch hier tun Merksätze (salopp gesagt: Eselsbrücken) gute Dienste.

Wer braucht noch das Buch?

Vorwiegend Kreise deutscher Intellektueller spielen immer öfter ein Gedankenexperiment durch: Könnte das Buch ein Zwischenspiel gewesen sein? Steht das Gutenberg-Zeitalter vor seinem Ende und ein Zeitalter des Sprechens und Hörens kehrt wieder?

Dass komplexe Inhalte ohne schriftliche Erfassung überlieferbar sind, lehrt außerdem die Geschichte. Das gesamte Wissen der Kelten etwa beruht auf mündlicher Überlieferung. Andererseits wissen wir dadurch von den Kelten verhältnismäßig wenig: Aus erster Hand nur, was Funde an Rückschlüssen erlauben. Alles andere ist das Ergebnis - ja: schriftlicher Aufzeichnungen anderer Kulturen, etwa der Römer. Auch die Inkas an der Westküste von Südamerika kannten keine schriftlichen Aufzeichnungen - dennoch verfügten sie über ein durchstrukturiertes Verwaltungssystem und bauten Straßen und Städte unter abenteuerlichen tektonischen Vorgaben. Könnte es am Ende sein, dass uns die schriftliche Aufzeichnung nur deshalb unabdingbar scheint, weil wir in einer von schriftlichen Aufzeichnungen geprägten Kultur sozialisiert sind?

Akustische Überlieferung

Doch es geht in dem Gedankenexperiment nicht um die 1:1-Wiederkehr der Mund-zu-Ohr-Überlieferung aus dem Gedächtnis. Längst lässt sich die gesprochene Mitteilung unverändert bewahren. Zum Beispiel konkurrieren schon jetzt Audio-Bücher mit den gedruckten Versionen, und es ist keineswegs nur Unterhaltungs- und Spannungslektüre, die sich die Audiobuch-Liebhaber vorlesen lassen; immer öfter sind es schwierige Klassiker und auch Sachbücher.

Der Schritt vom Sachhörbuch zum Lehrhörbuch scheint vorgezeichnet. Dass ein rein akustisches Erfahren von Zusammenhängen möglich ist, beweisen blinde Studentinnen und Studenten, die vor allem in humanistischen Fächern weltweit mit Abschlüssen glänzen, die jenen ihrer sehenden Kolleginnen und Kollegen nicht nachstehen. Die grundlegende Frage ist allenfalls, ob es einen Grad der Komplexität gibt, der rein akustisch nicht mehr erfassbar ist. Wie steht es um mathematische Aufgabenstellungen? Spätestens bei vierstelligen Zahlen nehmen auch gute Mathematiker sogar für Grundrechnungsarten gerne Papier und Bleistift zur Hand, um ihre gedankliche Leistung zu unterstützen. Blinde Spitzenmathematiker wie der Russe Lew Semjonowitsch Pontrjagin sind absolute Ausnahmeerscheinungen.