Ob Ballsaal, Nachtclub oder Rollschuhbahn: Ohne "Myriad Reflector" brauchte man gar nicht erst aufsperren. Eine Anzeige aus den 1920er Jahren wirbt für die Spiegelkugel. - © Illustrated World, Kaycorney.com
Ob Ballsaal, Nachtclub oder Rollschuhbahn: Ohne "Myriad Reflector" brauchte man gar nicht erst aufsperren. Eine Anzeige aus den 1920er Jahren wirbt für die Spiegelkugel. - © Illustrated World, Kaycorney.com

Wien. Man entkommt ihnen nicht. Sie reichen in jede Ecke und jeden Winkel des Raumes. Hunderte Strahlen, losgeschickt von einem leuchtenden Stern, der über der Tanzfläche schwebt. Die Discokugel zählt zu den Ikonen der Clubkultur, wie kein anderes Interieur symbolisiert sie den Hedonismus der Disco-Ära. Unter ihr wird getanzt, geschmust, gekokst und getrunken. Champagner im Studio 54, Cola-Rum in der Waldviertler Dorfdisco.

In keinem Partykeller darf sie fehlen, sogar als Christbaumschmuck hat sie sich einen festen Platz neben den Engeln erkämpft. Dabei sind ihre Tage eigentlich längst gezählt. Laser, Scanner und Stroboskope inszenieren die Clubs von heute. Verglichen damit wirkt die Kugel wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Sie hat Swing, Neue Deutsche Welle und Eurodance überlebt. Anachronistisch, aber eben doch nicht ganz verzichtbar. Sie dreht sich stoisch wie die Teller der Plattenspieler. Jener analogen Maschinen, denen schon oft der Tod nachgesagt wurde. Rotation ist das Maß im Club.

Ursprung liegt im Verborgenen

Die Geschichte der Discokugel reicht weit zurück. Wo sie erfunden oder das erste Mal aufgehängt wurde, lässt sich kaum rekonstruieren. Glaubt man Blogeinträgen im Internet, schraubten sie schon zwei findige Brüder, Charlie und Logan McGrath, 1859 in ihre Bar in Basildon, England. Eine andere Bloggerin datiert die erste Sichtung der Discokugel auf 1897. In diesem Jahr traf sich die "International Brotherhood of Electrical Workers" zu ihren jährlichen Ball in Charlestown, Massachusetts. Über den 800 Gästen hing ein "mirrored ball", der mit einer Kohlebogenlampe, einer Vorläuferin der Glühbirne, angeleuchtet wurde. Die Februar-Ausgabe des "Electrical Worker" berichtete im selben Jahr über den Ball. Doch von einer Spiegelkugel ist in dem Bericht nirgends die Rede. Die Spur verläuft im Sand.

Sicher ist hingegen, dass ein gewisser Louis Bernard Woeste am 12. Februar 1916 in Newport, Kentucky ein Patent einreichte. Eine von ihm entworfene Kugel, die mit vielen Spiegelsteinchen besetzt ist, sollte sich drehen, um eine "Unzahl von Reflexionen hervorzurufen, wenn Lichtstrahlen einer fremden Lichtquelle darauf geworfen werden". Der Urform der Discokugel gab er den klangvollen Namen "Myriad Reflector". Sie hatte einen Durchmesser von 68 Zentimeter und war mit 1200 speziellen Spiegelchen besetzt. "Sie verwandelt den Raum in ein glänzendes Märchenland aus blitzenden, wechselnden und lebendigen Farben - ein Raum von Millionen farbiger Funken", preist eine Werbung von 1922 die neuartige Kugel an.

In selben Jahrzehnt taucht sie das erste Mal in europäischen Tanzpalästen auf. Ein Orchester spielt wilden Jazz, während dutzende Paar Füße auf dem Parkett tanzen. In der nächsten Szene: Zwei Discokugeln blitzen auf! "Berlin - die Sinfonie der Großstadt" nannte Walther Ruttmann seinen Doku-Stummfilm aus dem Jahr 1927, der den Rhythmus der Stadt eingefangen hat. Er schenkt der Discokugel wohl ihren ersten Leinwandauftritt.

Eher beruhigen als zum Tanzen motivieren sollte sie in einem Sanatorium in Milwaukee, wie eine Fotografie aus dem Jahr 1912 zeigt. Damit sich die Tuberkulose-Patienten entspannen konnten, richtete man ihnen eine Holzlounge ein ("Sun parlor"), die an den Seiten offen war. So konnten sie auch bei Regen frische Luft atmen, lesen oder einfach nur auf die Discokugel starren, die die Decke zierte. Kontemplation statt Rotation.

Alles wurde discofiziert

Den Zenit ihrer Berühmtheit erlangte die Glitzerkugel erst in den 1970er Jahren, als Disco als schwarze und schwule Underground-Kultur in New York zum Leben erwachte. Pumpende Basslines, einfache Melodien und noch einfachere Texte waren das Rezept der meisten Discohits. Der Film "Saturday Night Fever" katapultierte die Musik 1977 schließlich in den Mainstream. Alles wurde discofiziert. Bücher gaben Ratschläge über die besten Tanzschritte, erstmals tauchte die Maxisingle in den Plattenläden auf und Discjockeys wurden zu den Stars der Nacht.

Als Geburtsort der meisten glitzernden Kugeln gilt Louisville, Kentucky. In den 1970ern verließen rund 1000 Kugeln die Halle von Omega National Products. Zu Beginn griffen die Arbeiter sogar auf alte Globen zurück, die kurzerhand mit Spiegelsteinchen besetzt wurden. 25 Mitarbeiter fertigten jeweils 25 Kugeln am Tag. Die Nachfrage war groß: Zwischen 1977 und 1979 gab es rund 10.000 Diskotheken in den USA. Zeitweise war die Firma für die Produktion von 90 Prozent aller Discokugeln in den USA verantwortlich. Die Firma stattete das Studio 54, die Fernsehsendung "Soul Train" und den Film "Saturday Night Fever" aus. Heute werden nur noch 15 bis 20 Stück im Monat produziert - wegen der Billigkonkurrenz aus China lohnt es sich kaum noch.

Womöglich schaffte es auch eine der Kugeln aus Kentucky auf österreichische Tanzflächen. Zeitgleich mit den Diskotheken, die Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre hierzulande auftauchten, wurde auch die Discokugel Mode. "Man hat zwar vorher schon getanzt, aber es gab noch keine eindeutigen Orte", sagt Wolfgang Kos, Kulturhistoriker und ehemaliger Direktor des Wien Museums. "Eine Diskothek brauchte klare Kriterien, die Discokugel gab es nur dort." Denn vorher existierten nur Tanzcafés und Musikkeller, in denen meist nur Live-Bands auftraten.