Will die Ozeane vor dem Plastik retten: Cyrill Gutsch. - © Sasha Maric
Will die Ozeane vor dem Plastik retten: Cyrill Gutsch. - © Sasha Maric

"Wiener Zeitung": Sie kommen aus dem Design, arbeiten in New York als Markenstratege. Warum kämpfen Sie jetzt für die Umwelt?

Cyrill Gutsch: 2012 traf ich Kapitän Paul Watson, Mitbegründer von Greenpeace. Das hat mein Leben verändert. Paul war gerade in Deutschland, steckte in einem Rechtsstreit wegen einer Aktion auf hoher See und ein gemeinsamer Freund dachte, dass ich ihm helfen könnte. Ich hatte bis dahin keine Ahnung, wie schlimm es um unsere Ozeane bestellt ist. Das Ökosystem, das uns am Leben hält, ist dabei, zu sterben - und wir sind dafür verantwortlich. Als Designer hatte ich mich darauf spezialisiert, Marken wiederzubeleben, die ums Überleben kämpfen. Nachdem ich Paul in Frankfurt getroffen hatte, wollte ich helfen. Ich habe Parley for the Oceans gegründet, um Leute wie mich wachzurütteln. Seitdem hat sich das Ganze zu einem Netzwerk an Botschaftern, Mitarbeitern und Partnern entwickelt.

Und wie kamen Sie ausgerechnet auf das Thema Plastikmüll?

Die Bedrohungen unseres Planeten sind vielseitig. Es ist schwierig, da durchzublicken. Sie scheinen weit weg und die Veränderungen sieht man nicht leicht. Plastikmüll ist hingegen greifbar. Sie finden ihn überall auf der Welt. Jede Bewegung braucht aber auch ihre Bilder. Wir fanden unsere, als uns zu Beginn von Parley die Filmarbeiten von Chris Jordan über Albatrosse auf dem Midway Atoll vorgestellt wurden. Da sah man Zahnbürsten, Flaschendeckel und anderes, das einmal verwendet und dann entsorgt wurde und dann in den Mägen junger Seevögel auftauchte - über 2000 Kilometer vom nächsten Supermarkt entfernt. Sich auf Plastik zu konzentrieren, leitet den Fokus auf einen Aspekt der Zerstörung und bringt die Leute dazu, das Thema und seine Lösungen zu verstehen.

Große Unternehmen haben sich bereits Ihrer AIR-Strategie verpflichtet. Was bedeutet das genau?

Die drei Grundpfeiler sind Avoid (Vermeiden), Intercept (Unterbrechen) und Redesign (Neugestalten). Wir können alle Plastik vermeiden, soweit es geht. Wir können Projekte unterstützen, die Plastikmüll einsammeln, recyceln oder daraus komplett neue Produkte schaffen. Und wir können neugestalten, wenn wir neue Materialien und Prozesse schaffen. Unser Ziel ist es, in den nächsten zehn Jahren die Herstellung von neuem Plastik zu stoppen und in den nächsten zwanzig Jahren plastikfrei zu werden.

Wie kommen Ihre Kooperationen mit Partnern wie Adidas oder Stella McCartney zustande? Ruft man da einfach den CEO an und sagt: "Ich hätte da mal eine Idee"?

Meistens kommen die auf uns zu. Wir müssen sehr aufpassen, mit wem wir zusammenarbeiten. Es geht nicht darum, dass ein großes Unternehmen ein paar Häkchen auf ihrer Nachhaltigkeits-Checkliste setzen kann oder mehr Produkte verkauft. Es geht darum, einen echten Wandel herbeizuführen. Dafür muss man aufklären, von der Führungskraft bis zum einfachen Angestellten.

Was würden Sie als Ihre bisher größte Errungenschaft bezeichnen?

Ein großer Moment war, als Adidas sich verpflichtet hat, kein neu produziertes Plastik mehr zu verwenden, als Corona sich verpflichtet hat, bis 2020 100 Inseln vor Verschmutzung durch Plastikmüll zu schützen und dass wir mit Ocean Plastic ein hochwertiges Material, hergestellt aus Plastikmüll aus dem Meer, etabliert haben. Erst kürzlich wurden wir auch daran erinnert, was für eine Macht hinter unserem Netzwerk heute steht. Im Juni fand nämlich die allererste Ozeankonferenz der UN in New York statt, bei der unsere Botschafter und Partner mit Küstengemeinden und Meeresbiologen Ideen und Inspirationen austauschten.

Welchen Herausforderungen müssen sich Designer heute stellen?

Das ist ein großer Moment in der Geschichte. Wir sehen zwar einer Umweltkrise entgegen, aber zur gleichen Zeit sind wir heute besser vernetzt, ausgebildet und informierter denn je. Verantwortungsloser Konsum geht zurück, die Nachfrage nach Produkten, die einen guten Zweck verfolgen, wird immer stärker. Der gute Vorsatz ist der neue Luxus. Viele Entscheidungen, etwa für ein bestimmtes Material, beeinflussen die Zerstörung unseres Planeten. Wir haben die Möglichkeit, die Generation zu sein, die mit diesem Wissen richtig umgeht und für eine bessere Zukunft sorgt oder jene, die alles ignoriert.

Wer hat mehr Verantwortung, der Designer oder der Konsument?

Der Konsument ist derjenige, der Veränderung nachfragt. Der Designer hat die Möglichkeit, diese zu kreieren. Aber letztlich sind wir alle verantwortlich, überflüssiges Plastik zu vermeiden und schlauere Alternativen zu wählen. Wir können uns nicht zurücklehnen und darauf warten, dass das jemand für uns erledigt.

Sie bezeichnen Plastik als den größten Design-Fehler. Was macht das Material so gefährlich?

Plastik stirbt nie, es baut sich biologisch nicht ab. Es verändert sich nur unter Einwirkung von Licht und fällt in immer kleiner werdende Bestandteile auseinander. Dieses Mikroplastik absorbiert andere Schadstoffe im Meer, wird von Meerestieren aufgenommen und wenn wir Fisch essen, landet es in unserem Körper. Jedes Stück Plastik, das jemals erzeugt wurde, existiert in irgendeiner Form noch immer. Warum aber kreieren wir Dinge für den einmaligen Gebrauch aus einem Material, das für immer existiert?