Der weiße Ziegel ist das Symbol der vegetarischen Ernährung. - © fotolia
Der weiße Ziegel ist das Symbol der vegetarischen Ernährung. - © fotolia

Es ist längst eine religiöse Auseinandersetzung daraus geworden. Das erkennt man daran, dass jede der drei beteiligten Gruppen die beiden anderen missionieren will: Fleischesser künden Vegetariern und Veganern von der Lust am Burger, wenngleich nicht ganz verständlich ist, wieso ausgerechnet ein künstlich geschmacksneutralisierter Fleischlappen, der nun wirklich durch alles Beißbare ersetzt werden kann, Lust auf Fleisch machen soll. Aber sei’s drum. Vegetarier wiederum fragen die Fleischesser, ob ihnen die Tiere nicht leidtun, und die Veganer, ob sie sich über die Gesundheitsrisiken klar sind. Veganer wiederum erklären Fleischessern wie Vegetariern, dass allein schon das Ausnützen der Tiere ein Verbrechen und es nur ein kleiner Schritt sei, der vom gekochten Ei zum gebratenen Huhn führe. Und während die einen zum Steak zu beten scheinen, verehren die andern einen weißen Ziegel aus geronnener Sojamilch, den Tofu.

Immerhin haben Veganer und Vegetarier einen jährlichen Welt-Tofu-Tag am 25. August zuwege gebracht, einen internationalen Tag des gewaltfreien Essens. Ausnahmsweise mögen Veganer und Vegetarier das, trotz ihrer Glaubensunterschiede in Detailfragen, gemeinsam feiern.

Die Folter des Apfelbaums

Verweigern die Veganer die Einigkeit, komm’ ich ihnen glatt mit den Frutariern. Für einen Frutarier ist ein Veganer ein Gewaltmensch übelster Sorte. Denn eine Pflanze durch Schneiden oder Fruchtraub zu beschädigen oder sie gar dem Tod im siedenden Olivenöl zu überantworten (nicht zu vergessen das Los der armen Oliven, denen man mit dem Öl auch ihre Olivenseele ausgepresst hat), das geht nun gar nicht. Einen Apfelbaum durch Apfelpflückung zu verletzen, kommt zumindest einer Körperverletzung nahe. Apfelpflücken ist die reine Apfelbaumfolter, so wie Erdbeerbrocken Erdbeerfolter bedeutet und Pilzesammeln Pilzmyzelfolter. Deshalb essen Frutarier nur Fallobst und Getreideprodukte, weil das Getreide im verwertbaren Zustand abgestorben ist. Botaniker müssen sich da freilich die boshafte Frage verkneifen, wieso reife Körner immer noch keimen können, wenn sie doch tot sind. Sollte Weizen gar Zombiekorn sein, also untotes Getreide?

Kommen Frutarier ins Spiel, vermehrt sich der vegetarische Glaube um ein Bekenntnis, das etwa jenem der Amischen unter den Christen entspricht. Vor deren Konsequenz zieht man auch den Hut vom geschüttelten Kopf.

Dass der Mensch ein geborener Vegetarier ist und nur durch Sinnesverwirrung zum Auch-Fleischfresser wurde, behaupten nur die fehlgeleitetsten unter den Vegetariern, die eher Sektierer als Ernährungsphilosophen sind. Eigentlich muss man sich zur Erkenntnis der Tatsachen nur gefletschter Zähne im Spiegel betrachten: Haben die vier Eckzähne nicht etwas Wölfisches? Sie brauchen gar nicht so extra-lang zu wachsen wie beim vampyrischen Herrn Grafen, um vom Raubtier in uns zu künden.

Nur lehren diverse Sanftheitsphilosophen, dank seines Verstandes könne der Mensch entscheiden, welche Nahrung er aufnähme, wozu Tiger, Wolf und Co. nicht in der Lage wären. Da der Mensch obendrein von Natur aus, siehe die Backenmahlzähne, ein Allesfresser sei, gäbe es keinen Grund für eine fleischliche Ernährung.

Mediziner betrachten das differenzierter: Zwar spricht nichts gegen eine vegetarische Ernährung, wenn tierisches Eiweiß in Form von Eiern, Milch und Milchprodukten aufgenommen wird. Bei der veganen Ernährung hingegen bedarf es der künstlichen Zuführung des Vitamins B12, das wesentlich zur Produktion von roten Blutkörperchen und zur Funktion von Nervenzellen beiträgt. Was übrigens, zusätzlich zu den Zähnen, belegt, dass wir Menschen von unserer Natur her eben keine reinen Pflanzenfresser sind. Andernfalls hätten wir rindviehgleich einen Pansen, in dem Bakterien das lebenswichtige Vitamin produzieren.

Schlachthöfe und Schlachtfelder

Doch die Möglichkeiten, notwendige Nährstoffe pillen- oder tablettenförmig zu ergänzen, verkleinert (oder vergrößert, je nach Blickwinkel) die vegetarische Ernährungsweise zu einem rein moralischen Problem - und macht sie damit zur erwähnten Glaubensfrage. Auf der einen Seite steht das lustvolle Essen, bei dem sich die Konsistenz und der Geschmack von Fleisch mit der entsprechenden Würze zu etwas Neuem verbindet, was die Kaulust befriedigt und die Sinne kitzelt. Auf der anderen Seite steht die berechtigte Frage, ob es vertretbar ist, zugunsten der reinen Sinnenlust zu töten.

"Solange es Schlachthöfe gibt, wird es Schlachtfelder geben", hat der russische Schriftstellerzar und Philosoph Lew Tolstoi formuliert. Das klingt plakativ, und unschwer wird man entgegenhalten, dass keiner ein potenzieller Gewalttäter ist, nur weil er sich eine Wurstsemmel schmecken lässt. Nur hat es Tolstoi so nicht gemeint. Nicht die Frage ist für ihn relevant, ob man ein Tier tötet oder einen Menschen, sondern das Töten an sich ist für ihn der Knackpunkt: Wenn man Tiere töten darf, um sie zu essen, dann werden sich, so seine Überlegung, immer neue Begründungen finden lassen, die das Töten legitimieren, in letzter Konsequenz auch das Töten von Menschen. Ergo, so Tolstoi, ist nicht die Frage, wer oder was weshalb getötet werden darf, sondern das Prinzip des Tötens an sich ist der Fehler in der menschlichen Existenz, den es zu korrigieren gilt.