(apa) Es ist immer ein schlechtes Zeichen, wenn Historiker es geboten finden, unter die Propheten zu gehen. Sie tun das in der Regel, wenn sie ein gröberes Problem sich abzeichnen sehen, dessen Ausmaß sich aus einer historischen Metaperspektive als apokalyptisch abschätzen lässt, vom Rest der Gesellschaft aber nicht ausreichend gewürdigt wird. Philipp Blom sagt nun "Was auf dem Spiel steht".

Das Problem ist bekannt. Ein Konglomerat aus Klimawandel und Digitalisierung, das sämtliche Lebensbereiche durchkämmen wird, mit Konsequenzen, die sich bereits erstaunlich genau vorhersagen lassen - erstaunlich deshalb, weil die angemessene Reaktion, die Flucht nach vorn, der Gestaltungswille gegenüber der Zukunft, weitgehend ausbleibt. Blom, Geschichtswissenschafter, Autor bestsellertauglicher Sachbücher und eines sensiblen Romans, etablierte Stimme im deutschsprachigen kulturgeschichtlichen Diskurs mit Standort Wien und dabei stets nicht nur Vergangenheits- sondern auch Zukunftshistoriker, stellt eine nüchterne Diagnose: Die Bewohner reicher, westlicher Demokratien wollen gar keine Zukunft. Das Versprechen, dass es den Kindern besser gehen soll als den Erwachsenen, gilt nicht mehr. An die Stelle von Visionen ist der Wunsch getreten, zu behalten, was man hat.

Demokratie - eine Ausnahme

Die Argumentation, die Blom über die folgenden 200 Seiten zieht, beinhaltet vieles, was interessierte und aufgeschlossene Menschen bereits wissen. Der konsequente Brückenschlag von der subsaharischen Dürre zum Erodieren der Städte, von der Robotik zum bedingungslosen Grundeinkommen, von der Religion zum Konsum, von Rousseau zu Trump, ist weder thematisch noch als Denkfigur neu. Das spürbar erhitzte Gemüt des Autors zollt nicht dem Fieber einer genialen Idee Tribut, sondern der händeringenden Dringlichkeit eines wohlmeinenden Erwachsenen gegenüber einem bockigen Kind. Das Kind sind wir.

Der mahnende Gestus tut der Lesbarkeit des Essays keinen Gefallen. Diesen Gestus zu vermeiden, ist freilich schwer. Unbegreiflich ist es der jungen Historikerin der Zukunft, die Blom sich erdenkt, warum die Menschen von heute, erstmals in der Geschichte, sehenden Auges ins Unheil marschiert sind. Wo sie doch hätten wissen müssen, dass die liberale Demokratie keine Norm, keine Selbstverständlichkeit und keine logische Konsequenz eines linearen Fortschritts ist, sondern eine seltene historische Ausnahme. Demokratien, so Blom, brauchen zum Überleben nicht nur Wohlstand. "Sie brauchen auch eine gemeinsame Hoffnung." Und: Die Werte, von denen wir glauben, dass sie uns definieren, sind keine Fakten, "sondern eine Geschichte, die unsere Gesellschaft sich über sich selbst erzählt. Sie lebt und stirbt beim Erzählen und Zuhören."

Aus disparaten Phänomenen mit jeweils eigener Genese, mit unterschiedlichem wissenschaftlichen oder philosophischen Überbau, errichtet Blom ein sich notwendig bedingendes Labyrinth aus Dominosteinen. Den liberalen Traum und seinen Zwillingsbruder, den freien Markt, verortet er irgendwo in dieser langen Reihe von Kausalitäten. Er ertappe sich immer wieder bei der Frage, ob es nicht doch "ein wenig hysterisch sei", was er da alles prophezeie, schreibt der Autor gleich am Anfang. Und beantwortet die Frage entschlossen mit Nein.

Schon in seinem jüngsten, erst im Vorjahr erschienenen Buch über die Kleine Eiszeit, riskierte Blom einen düsteren Blick ins Morgen. "Was auf dem Spiel steht", ist der logische Nachfolger. "Was auf dem Spiel steht? Alles", heißt es am Ende. Das lässt wenig Raum für Inspiration.

Was Blom leistet, ist ein stringentes, historisch und philosophisch abgerundetes, umfassendes und dennoch nicht ausuferndes Herleiten und Auf-den-Punkt-Bringen so ziemlich aller globalen Probleme. Das ist keine geringe Leistung. Zur Zwischendurch-Lektüre freilich eignet es sich nicht.

Sachbuch

Was auf dem Spiel steht

Philipp Blom, Hanser

224 Seiten, 20,60 Euro