Notausgang im Fischernetz

Zumindest war das so, bis ein neuer Feind auf zwei Beinen auftauchte: In praktisch allen wärmeren Regionen der Welt hatten Menschen Ideen, was man mit den sieben Schildkrötenarten nach deren Tod anfangen kann. Die schön gefärbten Hornschuppen des Rückenschildes der Echten und Unechten Karettschildkröten waren zum Beispiel als Schildpatt-Schmuck begehrt. Wie schon ihr Name verrät, landeten Suppenschildkröten häufig auf der Speisekarte der Menschen, und die Eier verschiedener Arten galten in etlichen Regionen als begehrte Leckerbissen. Außerdem starben viele Tiere als Beifang in den Netzen, mit denen eigentlich Fische oder Garnelen aus dem Wasser geholt werden sollten.

Solche zusätzliche Gefahren aber forderten bald ihren Tribut, die Bestände brachen zusammen. Bereits in den 1950er Jahren liefen daher erste Schutzmaßnahmen an, um die Meeresschildkröten vor dem Aussterben zu retten. So müssen Garnelenfischer seit den 80er Jahren in den Gewässern der USA in ihre Netze eine Art Notausgang für Schildkröten einbauen. Vielerorts wurden die Jagd und die Entnahme der Eier verboten. Gleichzeitig wurden Meeresschutzgebiete eingerichtet, der internationale Handel mit Schildkröten wurde verboten.

Besonders schwierig war häufig der Schutz der Strände, an denen die Weibchen ihre Eier verbuddeln: Sonnenhungrige Urlauber machten den Schildkröten die Kinderstuben streitig. Zwar gibt es auf den ersten Blick kein Problem, weil die Schildkröten nachts aktiv sind, während die meisten Menschen tagsüber am Strand liegen - wobei viele von ihnen die pralle Sonne meiden und Schirme aufspannen. Aber: Die Schildkröteneier sind auf kräftigen Sonnenschein angewiesen, um sich richtig zu entwickeln. Liegen die Temperaturen im Schatten eines Sonnenschirms zu niedrig, reifen die Eier womöglich gar nicht aus. Um das zu verhindern, brechen zum Beispiel an den Stränden der letzten Schildkröten-Refugien Griechenlands, auf den Inseln Kreta und Zakynthos sowie an der Peloponnes-Halbinsel, in der Morgendämmerung Freiwillige auf und halten am Strand Ausschau nach den Kriechspuren der Schildkröten, die direkt zu den Nestern führen. Über diesen platzieren die Helfer einen Eisenkäfig, damit nicht aus Versehen ein Tourist seinen Schirm genau in die Eier rammt. Einige wichtige Strände werden sogar ganz für die Schildkröten-Kinderstuben reserviert, immer wieder behält aber auch der Tourismus die Oberhand.