Die Automatisierung schreitet immer schneller voran. Die US-Anwaltskanzlei Baker & Hostetler hat einen "Robo-Anwalt" eingestellt, der juristische Fachliteratur auswertet und Gesetzesänderungen beobachtet. Apples Auftragsfertiger Foxconn kündigte an, dass Fabriken in China künftig automatisiert und alle menschlichen Mitarbeiter durch Roboter ersetzt werden. Und die Nachrichtenagentur AP will bis zum Jahr 2020 80 Prozent ihrer Content-Produktion automatisieren. Journalisten, Juristen, Ärzte - keine Berufsgruppe bleibt von der Automatisierung verschont. Künstliche Intelligenzen spielen mittlerweile besser Schach, Go und Poker, und man fragt sich, welche Rolle der Mensch in einer datengetriebenen Gesellschaft spielen soll. Steuern wir auf eine Post-Arbeitsgesellschaft zu, in der es keine oder kaum noch Jobs gibt? Wäre das eine Dystopie oder Utopie, wenn Maschinen unseren Wohlstand erwirtschaften und der Mensch dem Müßiggang frönen könnte, um, wie der junge Marx schon schrieb, "heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden"?

Schafft Automatisierung Arbeit?

Die Ökonomen streiten sich, ob die Automatisierung Arbeitsplätze vernichtet oder neue schafft, im Saldo also positiv ist. Eine vielzitierte, methodisch allerdings umstrittene Studie behauptet, dass bis 2030 rund 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA der Automatisierung zum Opfer fallen könnten. Doch gemessen an der Radikalität der Gesellschaftsentwürfe, die als Antwort auf die Automatisierung diskutiert werden, könnte es sich tatsächlich um eine umstürzende Entwicklung handeln. Eine Allianz aus libertären Entrepreneuren aus dem Silicon Valley bis hin zu altlinken Gewerkschaftern in Europa fordert die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Der Microsoft-Gründer Bill Gates, einst der reichste Mann der Welt, propagiert eine Robotersteuer, um die Gewinne der Konzerne abzuschöpfen und die Automatisierungsdividende zu verteilen. Und der Techno-Utopist und Tesla-Gründer Elon Musk schlägt vor, der Mensch solle sich besser zum Cyborg aufrüsten, um inmitten der künstlichen Umgebungsintelligenz nicht obsolet zu werden.

Genau diese Angst treibt Yuval Noah Harari um. Der israelische Universalhistoriker, der mit seinem aktuellen Buch "Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen" einen Bestseller gelandet hat, befürchtet, dass mit dem technologischen Fortschritt ein neues Prekariat entsteht, eine "Klasse der Nutzlosen", die abgehängt ist.

Die industrielle Reservearmee ("Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will"), auf welche die Produktionsmittelbesitzer in der Ersten Industriellen Revolution noch angewiesen waren und die als Druckmittel der Gewerkschaft eingesetzt werden konnten, wird durch die Automatisierung überflüssig. Wer braucht noch Anwälte der Arbeit, wenn es kaum noch Arbeit gibt? Daran schließt die Frage an: Was macht die Klasse der Nutzlosen, wenn sie keiner mehr braucht? Eine Antwort, so Harari, könnten Computerspiele sein. "Ökonomisch überflüssige Leute", schreibt Harari im "Guardian", "könnten zunehmend Zeit mit Virtual-Reality-Welten in 3D verbringen, die sie mit mehr Aufregung und emotionalem Engagement als in der echten Welt da draußen versorgen könnten." Das sei eine "sehr alte Lösung". "Früher nannten wir diese VR-Spiele ",Religionen‘", notiert der Historiker. Virtuelle Realität als Ersatzreligion? Als Eskapismus vor dem Elend in der Welt? Muss man das digitale Prekariat mit Computerspielen narkotisieren, um Aufruhr und Revolten zu verhindern?
Harari ist kein Zyniker. Trotzdem ist die Analogie provokant. Der Historiker vergleicht die christliche und islamische Religion mit einem Spiel, bei dem es darum gehe, Punkte zu sammeln, um ins Jenseits zu kommen. "Wenn man jeden Tag betet, bekommt man Punkte. Wenn man vergisst zu beten, verliert man Punkte." Wer man am Ende genügend Punkte gesammelt hat, steigt auf das nächste "Level" namens Himmel. Der Tod des Sünders ist game over.

Der Leser ist ein wenig verwundert über diese flapsig dahingeschriebenen Zeilen, die ein äußerst krudes Religionsverständnis offenbaren. Harari hängt einer tradierten Vorstellung vom Seelenheil an, das längst nicht mehr zeitgemäß ist. Wenn man, wie Harari, Geschichte mit dem ganz großen Pinsel erzählt, besteht immer die Gefahr, dass Details übertüncht oder vergessen werden. Und doch hat die Analyse etwas Triftiges. Schon heute vermitteln Tech-Konzerne die Illusion, als sei Arbeit nur ein Spiel, und sie versuchen diesem Irrglauben auch räumlich Ausdruck zu verleihen, indem sie wie Google Rutschen errichten, auf denen die Mitarbeiter ins nächste Meeting flutschen können. Gleichwohl: Sind Computerspiele ein sinnstiftendes Surrogat für Arbeit? Werden wir wie im Animationsfilm "Wall-E" als adipöse Couch Potatoes enden, die sich in Luftkissensesseln fortbewegen und auf ihrem Bildschirm nur noch informationelles Fast-Food kredenzt bekommen? Sind Apps Opium für das Volk? Eine Welt ohne Arbeit, in der Menschen nur noch in der Virtualität leben, ist eine Dystopie.

Ein Roboterarzt verschreibt Medikamente

Der "Guardian" hat in einem futuristischen Animationsfilm "The last job on earth" ausgemalt, wie eine vollautomatisierte Welt aussehen könnte. Die Angestellte Alice steht morgens in ihrem Mikroapartment in einem Wolkenkratzer auf. Drohnen rauschen an der Skyline vorbei und liefern die ersten Pakete aus. Auf dem Weg zum Arzt passiert Alice eine Shopping-Mall, in deren Schaufenster sie per virtueller Realität angezeigt bekommt, wie Ihr Traumkleid aussehen würde. Beim Arzt, der längst kein Heiler aus Fleisch und Blut mehr ist, wird sie von einem Roboter mit großen Lenkarmen medizinisch gecheckt. Der Automat identifiziert eine Krankheit und spuckt sodann die passenden Medikamente aus. In einem autonomen Fahrzeug fährt Alice in die Stadt, vorbei an VR-Fabriken und Amüsier-Arkaden. Es ist eine Welt ohne Arbeit, eine kühle, klinisch reine Hypermoderne. Vor der Essensausgabe der Tafel stehen die Menschen Schlange, in einem heruntergekommenen Viertel wurde die Forderung "We need Work" an eine Hausmauer gesprüht. Die Pointe des Films kommt am Schluss: Als Alice zur Arbeit in die menschenleere Corp. Tech. Inc. fährt und in ihrem Büro ihren Laptop aufmacht, poppt eine Meldung auf ihrem Bildschirm auf: "Guten Morgen, Alice. Wir führen gerade ein Upgrade unseres Personals durch." Es wirkt wie eine Fehlermeldung. Der Mensch als Fehler im Betriebssystem. Der letzte Job wurde gerade rationalisiert. Alice ist arbeitslos. Und so wie sie dabei aussieht, ist sie darüber nicht gerade glücklich.