Georg Fraberger ist Klinischer und Gesundheitspsychologe und Autor. Selbst seit Geburt an schwer behindert, widmet er sich in seinen Büchernoft Themen wie Glück oder Zufriedenheit. Sein aktuelles Buch "Wie werdeich Ich - Zwischen Körper, Verstand und Herz" ist im Residenz Verlag erschienen. - © Residenz Verlag/Aleksandra Pawloff
Georg Fraberger ist Klinischer und Gesundheitspsychologe und Autor. Selbst seit Geburt an schwer behindert, widmet er sich in seinen Büchernoft Themen wie Glück oder Zufriedenheit. Sein aktuelles Buch "Wie werdeich Ich - Zwischen Körper, Verstand und Herz" ist im Residenz Verlag erschienen. - © Residenz Verlag/Aleksandra Pawloff

Ein glückliches Leben ist das neue Statussymbol. Wer in sein will, ist superhappy oder hygge. Der Trend zur Selbstoptimierung macht auch vor Gefühlen nicht mehr Halt. Glücklicher macht uns das aber nicht, weiß der Wiener Psychologe Georg Fraberger.

"Wiener Zeitung": Magazine und Bücher sind aktuell voll mit Ratschlägen, wie man sein Leben glücklich gestaltet. Was fehlt uns denn zum Glück?

Georg Fraberger: Was ich so erlebe, ist, dass Glück wirklich unabhängig davon ist, ob Leute viel Geld haben oder wenig, Arbeit haben oder keine. Und es ist unabhängig davon, ob ich ein Ziel erreiche oder nicht. Ich denke, viele verwechseln auch Glück mit Freude und meinen, das sei dasselbe. Wenn ich im Spital arbeite, dann ist das für mich das große Glück. Aber man darf nicht vergessen, dass man jeden Tag Menschen sieht, die leiden oder einen schweren Schicksalsschlag erlitten haben. Das Glück ist nicht immer lustig.

Ist die Suche nach Glück ein neues Luxusproblem, das uns überfordert?

Die Frage, die Sie sich stellen sollten, ist: "Was könnte ich Sinnvolles tun", und nicht: "Was macht mich glücklich?" Wenn ich über Letzteres nachdenke, dann weiß ich auch nicht, ob ich das wirklich will. Ich arbeite 50 bis 60 Stunden pro Woche und würde auch lieber mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen. Aber wenn ich mich frage, was Sinn macht im Leben, dann ist es schon sinnvoll, zu arbeiten. Diesem Sinn müssen wir uns vielmehr stellen.

Aber genau diesen Sinn erkennen ja viele nicht mehr...

Das stimmt. Ich kenne eine junge Kassiererin, die meint, warum soll sie arbeiten gehen und sich von Kollegen und Kunden anschnauzen lassen, wenn sie sich für das gleiche Geld arbeitslos melden kann. Im Spital ist es ja auch so. Warum soll jemand arbeiten, der knapp über dem Existenzminimum Geld bekommt als Reinigungskraft und dafür von niemandem beachtet wird, vielleicht sogar belächelt. Man muss im Spital, das von der Hygiene lebt, die Putzfrau aber genauso schätzen wie den Primar.

Das ist in unserer Leistungsgesellschaft aber nicht der Fall.

Das ist das Problem. Die Folge ist Burnout - das ist nichts anderes als ein körperliches Symptom, das einfordert, respektiert zu werden. Ich sehe als Psychologe viele Menschen mit Burnout. Die scheitern nicht am Beruf, sondern an ihren Kollegen. Dann reagiert irgendwann der Körper, über den drücken sich negative Gefühle aus.

Steigen die Fälle von Burnout tatsächlich an?

Man muss fast schon sagen, zum Glück. Das liegt nicht nur daran, dass die Leute darüber reden, sondern dass wir als Gesellschaft an einem Punkt angelangt sind, an dem Gefühle ernst genommen werden müssen. Der zunehmende Wohlstand, die frühen Pensionierungen, die Mindestsicherung, all das trägt meines Erachtens nach dazu bei, dass wir darauf achten müssen, wie wir miteinander umgehen. Das heißt auch, die Reinigungskraft nicht wie einen Putzfetzen zu behandeln.

Im Job fühlen sich aber heute viele bedroht, wenn jemand kommt, der jünger, schöner, erfolgreicher ist.

Wir achten leider nur auf Leistung und glauben, jeder muss Leistung bringen können. Das geht nicht, jeder kann nur leisten, was er kann. Sie müssen auch Selbstsicherheit aufbauen, um andere großwerden zu lassen. Wir müssen wieder lernen, dass sich jeder mit dem anderen freuen darf. Und ja, es tut weh, wenn man sich über etwas freut, das man selbst nicht erleben darf. Aber ein Gefühl wird man nur los, wenn man es zulässt. Je mehr Sie es verdrängen, desto stärker wird es. Aus Schmerz wird dann Neid. Als Psychologe versuche ich dann, diesen Neid umzuwandeln in Gütigkeit, in Toleranz.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die Formel Glück = Empathie x Selbstwert x Mut zum Risiko. Wenn es so einfach wäre, warum sind dann nicht mehr Menschen glücklich?

Ich habe extra ein X dazwischen gemacht, weil wir denken immer, das Leben ist die Summe von allen Sachen, dann kommen wir nie auf Null. Aber als Psychologe erlebe ich Menschen, die alles haben und trotzdem knapp vor dem Suizid stehen. Denn alles mal null ist null. Da ist es egal, ob vorher eine Million dasteht oder nicht. Wenn der Selbstwert niedrig ist oder Sie das Mitgefühl für andere verlieren, dann ist der Wert des Lebens wirklich null. Dann sitzen Menschen vor mir, die wirklich alles haben, sich aber wie eine Null fühlen.

Ab wann sollte man eigentlich zur Therapie gehen?

Zum Psychologen geht man, wenn man gesund ist, zum Psychiater, wenn man krank ist. Als Psychologe beschäftigt man sich auch mit dem normalen Wahnsinn und schaut, wie bleibt man in dem nicht-pathologischen Bereich. Die meisten kommen aber, wenn sie bereits körperliche Symptome haben, ein Angst-Gefühl, wenn sie ins Büro gehen, einen Druck auf der Brust oder die typischen Verdauungsprobleme wie Durchfall oder Verstopfung. Der Psychologe versucht dann herauszufinden, welcher Gedanke hinter diesem Gefühl steckt.

Beschäftigen wir uns heute nicht ein bisschen zu viel mit uns selbst?

Wenn ich viel in mich hineinhorche und mich kennenlerne, dann kann es nicht zu viel sein. Es stimmt übrigens nicht, dass wir früher glücklicher waren. Denken Sie nur an die Zeit vor 80 Jahren. Wir haben die längste Zeit in Europa, in der wir keinen Krieg haben. Friede ist nämlich auch eine Form von Glück. Das würde ich jetzt nicht unterschätzen, nur weil wir nicht immer wissen, wie wir alle erfüllt leben können.