Vermessungen an den "Ur-Ariern": Bruno Beger bei seinen anthropometrischen Untersuchungen, die er im Zuge der SS-Expedition nach Tibet vorgenommen hat. - © Bundesarchiv Bild/wikipedia
Vermessungen an den "Ur-Ariern": Bruno Beger bei seinen anthropometrischen Untersuchungen, die er im Zuge der SS-Expedition nach Tibet vorgenommen hat. - © Bundesarchiv Bild/wikipedia

Eine SS-Expedition, die im Auftrag Heinrich Himmlers, geleitet von den Ideen der russischen Okkultistin Helena Petrovna Blavatsky, in Tibet nach den Ur-Ariern sucht - das hätte sich Quentin Tarantino nicht besser einfallen lassen können, und fast ist man versucht, sich Christoph Waltz in der Rolle des Expeditionsleiters vorzustellen. Doch was nach leicht durchgeknalltem Drehbuch klingt, hat real stattgefunden: Im April 1938 bricht der deutsche Zoologe Ernst Schäfer zusammen mit dem Geophysiker Karl Wienert, dem Anthropologen Bruno Beger, dem Entomologen und Kameramann Ernst Krause und dem technischen Leiter Edmund Geer auf, um in Tibet Arierforschung zu betreiben. Peter Meier-Hüsing erzählt die Geschichte dieser grotesken Expedition auf Basis nationalsozialistischer Pseudowissenschaft in seinem Buch "Nazis in Tibet - Das Rätsel um die SS-Expedition Ernst Schäfer".

Nationalsozialistische Mystik

Meier-Hüsing, 1958 geboren, ist Religionswissenschafter und arbeitet für Radio Bremen. Sein Spezialgebiet ist die Geschichte der Alpinistik. So hat er in "Wo die Schneelöwen tanzen" ein Buch über die Everest-Besteigung von Maurice Wilson vorgelegt und in "Der unmögliche Berg" den Cerro Torre und den tragischen Gipfelsieg von Cesare Maestri beschrieben. Angenehm an seinem Stil ist ein spannendes Erzählen, das frei ist von der höhnenden Verächtlichkeitsprosa, die in der Guido-Knopp-Gefolgschaft um sich greift. Umso deutlichere Züge nimmt die Groteske an, umso klarer enthüllen sich die dunklen Züge der Posse.

Was Meier-Hüsing so komprimiert wie glänzend darstellt, ist nicht zuletzt der Hintergrund der Expedition. Reichsführer SS Heinrich Himmler wurde 1939 zusätzlich Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums, ein Posten, der gleichsam für ihn geschaffen wurde - oder vielleicht auch der Posten, für den er geschaffen war. Denn Himmler wollte eine nationalsozialistische Mystik schaffen, in der heidnische Rituale an die Stelle der christlichen treten sollten - schließlich war Christus Jude, und überhaupt war diese Religion der Vergebung und des Mitleids so ungefähr das Gegenteil von den pervertierten Idealen des Nationalsozialismus. Eher favorisierte Himmler den Islam als eine "für Soldaten praktische und sympathische Religion". Aber sein liebster Gedanke war eine Religion auf der Basis des Nationalsozialismus selbst.

Das reine "arische" Blut freilich wäre ein schwacher Gottesersatz, gäbe es keinen Mythos dazu. So versuchte Himmler, das mythische Fundament zu schaffen. Unter anderem war die "Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe" damit beauftragt. Weiters fand Himmler vielversprechende Grundlagen in der Welteis-Theorie Hanns Hörbigers, die als "deutsche Kosmologie" die "jüdische" Albert Einsteins ersetzen sollte - mit dem nicht unwesentlichen Nachteil freilich, dass Hörbigers Theorie ein unbeweisbarer und absurder Glaubenssatz war. Allerdings manifestiert sich in ihrer Überlegung, die Erde sei von mehreren Mondeinschlägen heimgesucht worden und die ältesten, also die "arischen" Völker könnten nur auf Bergen überlebt haben, die Grundlage für die Idee, dass Bergvölker zwangsläufig dem "Ur-Arier" am nächsten stehen müssten. Das alles ergab, vermischt mit den Ideen der Blavatsky, einen Cocktail, den Himmler als Essenz des Nationalsozialismus schlürfen wollte.

Britische Hilfe

Und so brach denn Ernst Schäfer nach Tibet auf, um die dort vermuteten Ur-Arier zu vermessen. Die Briten öffneten die Grenzen der von ihnen verwalteten Länder, um die SS-Expedition passieren zu lassen. Dafür sorgten NS-freundliche britische Offiziere.

Meier-Hüsing geht den diplomatischen Verflechtungen ebenso nach, wie er die Wissenschaftlichkeit der Forschungen auf den Prüfstand stellt, er erzählt die Geschichte der Expedition, aber auch, was nachher war. Er nimmt auch unter die Lupe die diversen Versuche der Reinwaschung mit dem Argument, es habe sich eben doch nur um eine Expedition gehandelt und sei sie auch unter falschen wissenschaftliche Voraussetzungen erfolgt, seien die Forscher doch keine überzeugten Nationalsozialisten gewesen.

Ein Stichwortverzeichnis fehlt - das kostet dieses lesenswerte Buch den fünften Stern.

sachbuch

Nazis in Tibet - Das Rätsel um die SS-Expedition Ernst Schäfer

Peter Meier-Hüsing

Theiss, 287 Seiten, 25,90 Euro