Die Entscheidung, wer das Theater an der Wien künftig leiten soll, ist überfällig. - © Theater an der Wien/Paul Ott
Die Entscheidung, wer das Theater an der Wien künftig leiten soll, ist überfällig. - © Theater an der Wien/Paul Ott

Wien. Der Herbst 2020 markiert eine Wende in der Wiener Kulturszene. Mit diesem Zeitpunkt startet nicht nur Bogdan Roščić seine Direktion an der Staatsoper, auch im Theater an der Wien und am Raimundtheater beginnen neue Intendanzen. Während Roščić mit der branchenüblichen Vorlaufzeit bereits vor einem Jahr von Kulturminister Thomas Drozda bestellt wurde, wartet man bei den Vereinigten Bühnen Wien (VBW) noch auf eine Entscheidung. Treffen sollen sie Wirtschaftsstadträtin Renate Brauner und Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, aus dessen Büro es heißt, man sei "bemüht, so schnell wie möglich eine Entscheidung zu treffen", wolle aber sonst zum laufenden Prozess keinerlei Stellungnahme abgeben.

Offiziell sind auf die Ausschreibung im Frühjahr 50 Bewerbungen eingelangt - zwei Drittel für den Bereich Oper, ein Drittel für das Musical. Allerdings hatten die VBW in den Ausschreibungen eine gemeinsame Leitung beider Sparten, die derzeit von Roland Geyer (Theater an der Wien, Kammeroper) und Christian Struppeck (Raimundtheater, Ronacher) geführt werden, nicht ausgeschlossen. "Wir suchen einen Wunderwuzzi oder eine Wunderwuzzin", formulierte Mailath-Pokorny seine diesbezüglichen Vorstellungen. Dass es zu einer Zusammenlegung der Intendanzen kommen wird, daran gibt es berechtigte Zweifel - auch von Mailath-Pokorny selbst.

Das wahrscheinlichste Szenario sind also zwei Posten - wie bisher. Bei derart unterschiedlichen Genres und Publikumsschichten wäre alles andere auch kaum seriös realisierbar. Im Bereich Musical gilt eine Vertragsverlängerung von Struppeck als zumindest denkbar - die bisherige künstlerische wie finanzielle Bilanz seiner Intendanz ist solide bis durchwachsen. Eine Liste möglicher neuer Intendanten ließe sich alleine aus der Wiener Szene befüllen - von Marika Lichter über Alfons Haider bis Uwe Kröger. Wien als finanziell tragfähige Säule im Musical-Geschäft stärker zu positionieren, Erfolge nicht einzukaufen, sondern selbst Exportschlager zu produzieren, das ist sicher die zentrale Aufgabe einer nächsten Leitung.

Neupositionierung geglückt

Im Theater an der Wien sieht die Sache etwas anders aus. Roland Geyer, quasi Gründungsintendant des Stagione-Hauses in der heutigen Form, ist es in den Jahren seit 2006 gelungen, das Theater als führendes Opernhaus zu positionieren. Internationale Kritiker reisen eher zu Premieren an die Wien denn an die Staatsoper, die (Besucher-)Zahlen stimmen. Neuerlich beworben hat sich Roland Geyer nicht, er wolle sich nach 14 Jahren neuen Aufgaben widmen. Dass er sich jedoch noch für eine weitere Runde bitten ließe, ist so denkbar wie sinnvoll.