James Levine wird beschuldigt, mehrere Jugendliche missbraucht zu haben. - © ap/Michael Dwyer
James Levine wird beschuldigt, mehrere Jugendliche missbraucht zu haben. - © ap/Michael Dwyer

New York/Wien. (eb) Die Metropolitan Opera (Met) in New York beendet ihre Zusammenarbeit mit James Levine, da der US-amerikanische Stardirigent laut Zeitungsmeldungen über Jahre hinweg einen Jugendlichen sexuell missbraucht haben soll. "Angesichts dieser Berichte hat sich die Met entschieden, jetzt zu handeln", heißt es in der Erklärung von Generaldirektor Peter Gelb. "Das ist für jeden Betroffenen eine Tragödie." Levine war von 1971 bis 2016 Dirigent an der Met und, abgesehen von den Jahren 2013 bis 2015, auch deren künstlerischer Leiter.

Die "New York Times" und die "New York Post" berichteten, dass Levine seit dem Jahr 1985 einen Jugendlichen sexuell missbraucht haben soll. Der Missbrauch habe bis 1993 angedauert und den heute 48-Jährigen fast in den Suizid getrieben. Am Sonntag veröffentlichte die "New York Times" einen weiteren Bericht, demzufolge auch drei andere Musiker ähnliche Erfahrungen mit Levine hatten. Levine droht keine Strafverfolgung, da die Fälle verjährt sind.

James Levine gilt als einer der herausragenden Interpreten der Werke Richard Wagners, Giuseppe Verdis und Gustav Mahlers. Er hat mehr als 200 Tonträger-Aufnahmen gemacht, unter anderem auch die Wiener Philharmoniker dirigiert und war von 1999 bis 2004 Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Levine ist heute 74 Jahre alt, er leidet an der Parkinson-Krankheit und dirigiert vom Rollstuhl aus.

Insider der Klassikszene wundern sich offensichtlich weniger, dass der "Fall Levine" öffentlich ruchbar geworden ist, sondern, dass das erst jetzt geschieht. In der Szene seien Levines Neigungen ein offenes Geheimnis gewesen, aber als Spleen eines genialen Musikers verdrängt worden. So schreibt der österreichische
Dirigent Matthias Fletzberger auf seiner Facebook-Seite: "Endlich wird auch das öffentlich ausgesprochen - allerdings ist die offizielle Reaktion der Met blanker Hohn . . . das wusste dort bereit in den 80ern jeder! Ich persönlich wurde als 17-Jähriger von einem (mittlerweile verstorbenen) Assistenten von Herrn Levine in Salzburg unter Zuhilfenahme von ,handgreiflichen Argumenten‘ eingeladen, Herrn Levine persönlich kennenzulernen (,you could get much closer to him and this would certainly help your career
a lot‘) . . ."