Geht es dabei um eine reine Machtdemonstration oder auch um Sex?

Es geht um beides. In der aktuellen Debatte wird so getan, als würde es Männern wie Weinstein nur um Machtdemonstration gehen. Das bezweifle ich. Die machen das, weil sie Lust dazu haben. Die mögen Frauen auf ihre Weise. Es wird so getan, als wäre Sexualität ein paradiesischer Zustand von Kommunikation auf Augenhöhe. Aber in der männlichen Sexualität ist, aufgrund unserer hierarchischen Strukturen, auch immer ein Stück Gewaltbereitschaft als Potenzial angelegt. Wenn es nur darum ginge, Macht zu demonstrieren, könnten sie die Frau ja schlagen. Sie dürfen auch nicht vergessen, dass der Mann auf dem Gebiet der Sexualität auf eine gewisse Weise abhängig ist von der Frau.

Und diese Abhängigkeit birgt Konfliktpotenzial?

Ja. Was wir bei vielen Tätern und Sexisten sehen, ist, dass ihre Männlichkeit irgendwie bedroht zu sein scheint und dass sie vom Sexualpartner, auf den sie programmiert sind, abhängig sind. Das steht aber im Gegensatz zu ihrem Ideal von Männlichkeit - und damit Unabhängigkeit. Das ist ein Dilemma, in das sie immer wieder geraten, sobald sie sexuelle Begierde spüren. Zugespitzt gesagt: Im Akt der sexuellen Gewalt wird die Frau im Grunde für die Begierde bestraft, die sie in ihnen auslöst. Gewalt versucht das zu kompensieren und in ein Gegenteil umzudrehen.

Eine österreichische Schauspielerin meinte, Männer seien nicht in der Lage zu bemerken, wo die Grenze ist. Kann man Männern die Verantwortung für ihr Handeln absprechen?

Also erstens wäre es falsch, das Tierische im Mann zu sehen. Als wäre das so ein Trieb, so ein Monster, das aus der Biologie stammt und nicht anders kann. Auch wenn manche Männer in diesen Situationen den Eindruck erwecken. Und zweitens kann selbstverständlich die Mehrheit die Grenze erkennen, bis auf die sogenannten Soziopathen, die überhaupt kein moralisches Empfinden haben bei dem, was sie tun.

Empfinden Frauen und Männer die Grenzen zwischen Flirt und Sexismus gleich?

Ja. Es gibt Studien, die nachweisen, dass es bei Übergriffen oder sexistischen Witzen keine signifikanten Unterschiede in der moralischen Empörung von Frauen und Männern gab. Ein Problem, das genauer untersucht werden sollte, ist aber, wieso diese Fähigkeit in bestimmten Situationen aussetzt, gerade bei Leuten wie Weinstein, die das systematisch betreiben. Sie scheinen durch Affekte in ihrer Wahrnehmung gestört.

Trotzdem hört man in Diskussionen immer wieder, man dürfe als Mann bald gar nichts mehr. Ein Anwalt riet in einer Talkshow Männern ernsthaft dazu, Bodycams zu tragen. Müssen wir das Flirten bald sein lassen?