Vielleicht war der Hintergedanke des Verlags, dass man dieses Buch ohnedies nicht zu Hause lesen wird, sondern auf die Italienreise mitnehmen wird. Anders kann man sich nicht erklären, dass der Fischer-Verlag Mary Beards "Pompeji - Das Leben in einer römischen Stadt" nicht als edles Hardcover veröffentlicht, sondern als schnödes Taschenbuch, das man getrost zum Jo-Nesbø-Krimi ins Handgepäck stecken mag. Passt aber schon irgendwie, denn Mary Beards kristallklare Prosa, hier präzise, dort ironisch wenn nicht gar flapsig, liest sich sowieso spannender als jeder Thriller. Seit Tacitus hat niemand mitreißender über die römische Antike geschrieben. Und er war immerhin so quasi ein Augenzeuge. Dass man auch bei Mary Beard das Gefühl hat, ganz nahe dran zu sein, nicht nur an den Römern, sondern auch an den Althistorikern, die sich mit den Römern befassen, macht die außerordentliche Qualität der Bücher dieser Britin aus.

Kulturschocks mit Korrekturen

Die Althistorikerin geizt freilich, darin den Thrillerschreibern ebenfalls durchaus ähnlich, auch nicht mit Schocks, wenngleich es bei ihr naturgemäß Kulturschocks sind. Zum Beispiel die Sache mit der Mysterienvilla. Die wunderbaren Fresken mit ihren traumhaften Farben hat jeder schon einmal gesehen, und sei es nur als Abbildung auf einem CD-Cover oder dem Umschlag eines historischen Romans. Diese Fresken stehen im Bewusstsein des Europäers symbolhaft für alles, woraus Zivilisation seit Alters her besteht. Das, meint man, seien die Bilder, die vielleicht Kaiser Claudius stammelnd bewundert hat, über die des Nero gierig grapschende Hand geglitten ist. Allein... Nun ja: Natur-altrömisch ist das nicht, enthüllt Mary Beard, sondern eine, freilich exzellente, Arbeit der Restauratoren.

Natürlich wäre Mary Beard nicht Mary Beard, würde sie ihre Brillanz bescheiden verstecken. Die junge Frau, die nachdenklich einen Schreibgriffel vor den Mund hält, gilt zum Beispiel als Inbegriff der antiken Dichterin. Und schon ziert sie so manche Sappho-Ausgabe. Nichts da, belegt Mary Beard so ironisch wie triumphal lächelnd, eine Neureiche ist das in Wirklichkeit, und ob sie überhaupt gewusst habe, wer die Sappho war, könne man getrost bezweifeln.

Solche Stellen, die der Missgünstige der Autorin als Eitelkeit auslegen mag, tragen freilich Farbe auf und machen die Lektüre prickelnd amüsant - dass manch Kollege Mary Beard vorwirft, sie okkupiere mit ihrem Breitbandwissen und ihrem dazugehörigen Abkanzeln aller, die anderer Meinung sind, die gesamte römische Antike, kann sie getrost in Kauf nehmen. Der Leser tut es auch aus purer Dankbarkeit, dass es zwischen dem hustenreizenden Schulstaub und Asterix eine lebendige römische Antike gibt, in der gelacht wird, in der gelitten wird, in der die Menschen essen und trinken, Feste feiern und sterben und Sex haben.

Wieso Pompeji und nicht gleich Rom? - Nun: Die noble Villenstadt bietet sich als Beispiel für das Leben in der römischen Antike an, weil der Ascheregen des Vesuvs beim Ausbruch im Jahr 79 nach Christus die Stadt gleichsam konservierte. Man kann die römische Antike hier gleichsam anfassen. Dieser Gelegenheit, eine breite Leserschaft zu interessieren, kann sich Mary Beard nicht verweigern.

So führt sie sowohl den vorgebildeten Leser als auch den interessierten Laien durch diese Stadt, indem sie drei Ebenen in virtuosem erzählerischen Duktus vermischt: die Beschreibung der archäologischen Funde, antike Schriftzeugnisse und die Grabungsgeschichte seit der Entdeckung Pompejis im 18. Jahrhundert. Man braucht kein Fachmann zu sein, um sich davon fesseln zu lassen. Etwas Besseres lässt sich über ein Sachbuch nicht sagen.