Sehnsuchtsort und dysfunktionaler Staat: Warum wir Italien lieben, kann niemand genau erklären. - © fotolia/stigmatize
Sehnsuchtsort und dysfunktionaler Staat: Warum wir Italien lieben, kann niemand genau erklären. - © fotolia/stigmatize

Italien, das ist für viele Menschen deutscher Muttersprache ein Sehnsuchtsort erster Kategorie, viel mehr als Griechenland, das ehemalige Jugoslawien oder gar Spanien. Italien, das sind Kindheitserinnerungen an Adriastrände, später verliebte Wochenenden in Venedig, für Ältere Erholung und Genuss in der Toskana oder im Piemont. Und immer das Licht, der Süden, die Wärme, die Menschen, das Essen - die italienische Reise, sie gehört spätestens seit Goethe zum kollektiven Emotionen-Schatz des deutschsprechenden Menschen.

Das steht freilich in einem eigentümlichen Konflikt zur italienischen Lebenswirklichkeit: Einem Staat, in dem in vieler Hinsicht nichts wirklich zu funktionieren scheint, und der in vieler Hinsicht mehr an afrikanische failed states erinnert denn an ein Gründungsland der Europäischen Union, deren Gründungsvertrag 1957 ja in Rom unterschrieben worden ist.

Im Netz der Mafia

Wie passt das zusammen? Eine Antwort darauf versuchen Giovanni di Lorenzo und Roberto Saviano in ihrem Buch "Erklär mir Italien! Wie kann man ein Land lieben, das einen zur Verzweiflung treibt?". Die beiden Herren wissen, wovon sie schreiben. Di Lorenzo stammt aus Rom, übersiedelte im Alter von zehn Jahren nach Hannover und ist heute Chef der Hamburger "Zeit". Saviano ist Autor, unter anderem des Mafia-Bestsellers "Gomorrha", und lebt heute, unter permanenter Bewachung durch Personenschützer, einmal in New York, einmal in Rom.

Das in Dialogform zwischen den beiden verfasste Buch ist witzig, intelligent und angenehm lesbar, weist aber ein winziges, unerhebliches Manko auf: Nach der Lektüre weiß man genauso wenig wie vorher, warum man dieses schreckliche Land so schrecklich gern hat. Die auf der Titelseite gestellte Frage bleibt so unbeantwortet wie etwa die, warum so viele Männer und Frauen nicht voneinander lassen können, obwohl sie einander zur Verzweiflung treiben.

Vielleicht, weil man es einfach nicht beantworten kann.

Und so werfen einander Saviano und di Lorenzo wechselseitig jene Überschriften zu, unter denen man Italien halt so subsumiert: von den italienischen Müttern ("Wahre Bestien") über die Mozzarella ("Darf nicht im Kühlschrank lagern") zu Mussolini ("Ein Inbild italienischer Lebensart") und natürlich Berlusconi ("Er kann sich einfach alles erlauben"). Und dann ist da natürlich auch die Mafia, der das Buch leider einen weit überproportionalen Teil seiner knapp 300 Seiten widmet, was natürlich daran liegen dürfte, dass Co-Autor Saviano einer der profundesten Kenner dieser italienischen Spezialität ist. Und uns mit erstaunlichen Details vertraut macht: "Ein Mafia-Clan hat allen Mitgliedern, die ein Kind mit Down-Syndrom hatten, für diese Kinder Gehälter gezahlt, als seien sie vollwertige Mitglieder. Der italienische Staat hat oft für solche Familien, in denen einer behindert ist, keinerlei Geld mehr übrig... So schafft man den Konsens mit der Mafia."

Durchaus schlüssig analysieren die Autoren das Kernproblem ihrer Heimat: eine fundamentale Verachtung vieler Italiener für einen Staat, der diese Verachtung redlich verdient hat, eine fatale Spirale. An seine Stelle als Schutz- und Ordnungsfaktor traten und treten dann Familie und Sippe, biologische wie funktionale in Form von Seilschaften, Kreise und Cliquen bis hin zur Mafia. Womit Saviano auch den Erfolg von Figuren wie Berlusconi erklärt: "Die Skandale haben nicht zu einem grundlegenden Wandel geführt, weil man als Wähler nicht jemanden haben will, der besser ist, sondern jemanden, der genauso ist wie man selbst. Und Berlusconi sagt: ‚Ich bin derjenige: Ich bin wie ihr, und jeder, der was Anderes von sich behauptet, ist ein Lügner und Betrüger.‘"

Garibaldi teilt Afrika

Ein Generalbefund, der Saviano eher skeptisch stimmt: "Ich glaube, Italien stirbt einen langsamen Tod, jedes Jahr verlagern 100.000 Italiener ihren Wohnort ins Ausland. Ich glaube, dass man hier einen völlig neuen Gang einlegen muss." Es ist dies ein Gang, den sein Freund und Koautor di Lorenzo erkennbar befremdlich findet: Migranten aus Afrika, meint Saviano allen Ernstes, sollten die vor allem aus Süditalien wegziehenden Italiener ersetzen und so den Bevölkerungsschwund stoppen. Was wenigstens jenes garstige, in Norditalien aber höchst beliebte Malmot im Nachhinein rechtfertigen würde, wonach Garibaldi nicht Italien geeinigt, sondern Afrika geteilt habe.

sachbuch

Erklär mir Italien! - Wie kann man ein Land lieben, das einen zur Verzweiflung treibt?

Roberto Saviano und Giovanni di Lorenzo

Kiepenheuer&Witsch, 272 Seiten, 20 Euro