Es gibt Schlimmeres als Haggis. Lutefisk zum Beispiel, Lutefisk ist wesentlich schlimmer: Fisch in Ätznatron eingelegt, zur puddingartigen Substanz gewässert und mit Speck serviert - so lassen sich die norwegischen Norweger in Norwegen die Weihnachtszeit schmecken. Ja, wirklich: Lutefisk ist schlimmer als Haggis.

Aber Haggis ist auch sehr schlimm, und vor allem ist Haggis nicht auf die Weihnachtszeit beschränkt. Da könnte man ihm immerhin, bei rechtzeitiger zeitweiliger Auswanderung, umgehen und mit Gnocchi alla Romana oder Spaghetti alla Puttanesca ersetzen. Andererseits sind Gnocchi und Spaghetti alla Puttanesca noch nicht bedichtet worden. Selbst der Lutefisk hat weder Henrik Ibsen noch Bjørnstjerne Bjørnson inspiriert - was der Lutefisk-Anhänger eher gegen Henrik Ibsen und Bjørnstjerne Bjørnson ins Treffen führen wird als gegen Lutefisk.

Mit dem Haggis ist das etwas anderes. Ihm hat der schottische Dichter Robert Burns ein Poem gewidmet - und Robert Burns ist Schottland, so, wie auch der Haggis Schottland ist, und der Whisky ist Schottland und der Kilt ist Schottland und der Dudelsack ist auch Schottland (obwohl er ein ganz klein wenig auch Wien ist, weil der liebe Augustin ihn auch gespielt hat in den Bierhäusern und drunten in der Pestgrube).

Aber Robert Burns ist noch mehr Schottland als Haggis und Dudelsack und Kilt und Whisky zusammen. Und weil das so ist und Robert Burns am 25. Jänner 1759 in Alloway (Ayrshire) geboren wurde (gestorben am 21. Juli 1796 in Dumfries, Dumfriesshire), begeht Schottland alljährlich an diesem Tag, und damit heute, das Burns Supper. Was heißt Schottland? - Überall wird es begangen, wo Schotten sind, und da Schotten nach Kanada ausgewandert sind und nach Australien und in die USA, wird auch dort das Burns Supper gehalten. Ja, ganz bestimmt: Wo zwei oder drei Schotten in Burns’ Namen versammelt sind, feiern sie das Burns Supper.

Schottische Agape

An eine weltweite Agape im Namen des schottischen Dichters erinnert es, denn serviert wird allerorten das gleiche Mahl: Suppe, Haggis mit Steckrübe und Kartoffeln (neeps and tatties), als Nachtisch gibt’s Trifle. Hinuntergespült wird das mit Whisky, womit denn sonst, und wenn schon nicht mit einem Single Malt, dann mit einem Blend, Hauptsache, ein schottischer ist es, und wer sich keinen hochwertigen Whisky leisten mag, perfektioniert seinen preiswerten mit einem wee drop of water. "Wee", das heißt "klein" - und ist eines dieser schottisch-englischen Dialektwörter, mit denen Burns seine Gedichte würzte. Im Gedicht "To a Haggis" liest sich das so: "Fair fa’ your honest, sonsie face, / Great Chieftan o’ the Puddin-race! / Aboon them a’ ye tak your place, / Painch, tripe, or thairm: / Weel are ye wordy of a grace / As lang’s my arm." Rudi Camerer übersetzt das in "Robert Burns - Liebe und Freiheit" (erschienen im Lambert Schneider Verlag, nur noch antiquarisch erhältlich) so: "Dein feines Gesicht sei von Glück erhellt, / Du Häuptling in der Würste-Welt! / Bist hoch über alle andern gestellt, / Ob Pansen, ob Darm: / Verdienst, dass man dein Lob erzählt / So lang wie mein Arm."