Soll man das in der Sprache partiell überlebende NS-Denken an einzelnen Wörtern und Redewendungen festmachen, denen man mit detektivischem Impetus nachspürt, oder an Prinzipien der NS-Diktion? Nationalsozialistische Wortschöpfungen wie "Endsieg", "Endlösung" und dergleichen wird man nur noch als Signalwörtern für den rechten Rand begegnen. Auf die gezielte Herabsetzung von Menschen als "Untermenschen" oder "Parasiten" trifft man ebenfalls nur noch, wenn der Sprecher einem rechtsäußeren Denken anhängt.

Eine echte Überlebende der NS-Sprache ist die "Sonderbehandlung", das Codewort für die Ermordung von Menschen. Die "Sonderbehandlung" hat sich im heutigen Sprachgebrauch in allen Medien und über alle politischen Grenzen hinweg gehalten.

Sonst hat in der heutigen Alltagssprache kaum NS-Vokabular überlebt. Auszumerzen ist es vor allem dann, wenn es, vielleicht nur in Gedankenlosigkeit, nationalsozialistische Vorstellungen transportiert. Zum Beispiel: Heute noch, wenn ein Elternteil jüdisch ist, von einem "Halbjuden" oder einer "Halbjüdin" zu sprechen, verlängert den nationalsozialistischen Rassismus in die Gegenwart ebenso wie das Wort "Umvolkung". Wer das Wort "Mischling" auf Menschen anwendet, transportiert das Denken der Nationalsozialisten, dass auf (in NS-Diktion) "minderwertige" Menschen tierische Bezeichnungen anwendbar sind. Deshalb sind Tierbezeichnungen für Menschen abzulehnen. Auch die "Brut" stammt aus dem Bereich der Tiervergleiche, ob es nun die linke Seite "braune Brut" oder die rechte "rote Brut" schimpft.

Spannender als die Konzentration auf einzelne Wörter ist die Frage, inwiefern nationalsozialistische Sprachprinzipien in die Gegenwart überschwappen, etwa typisierende Herkunftsbezeichnungen: "Der Jude", sagten die Nationalsozialisten. Heute hört und liest man "der Russe" oder "der Amerikaner", "der Ausländer", "der Flüchtling".

Dass der Philologe Victor Klemperer sein wegweisendes Buch dazu satirisch "LTI" betitelt als Abkürzung für "Lingua tertii imperii" (die Sprache des Dritten Reichs), ist bezeichnend, denn die Abkürzung ist eines der grundlegenden nationalsozialistischen Sprachprinzipien: Die Abkürzung ist einerseits ein Code, der sich nur Eingeweihten erschließt. Die Abkürzung erzeugt so das Wir-Gefühl: "Wir verstehen das."

Andererseits verleiht sie der Sprache Zackigkeit: "Pak" (Panzerabwehrkanone), "Flak" (Flugzeugabwehrkanone), "Stuka" (Sturzkampfbomber) "SS" (Schutzstaffel) und "Hastuf" (Hauptsturmführer) klingen schärfer konturiert als die ausgeschriebenen Bezeichnungen.

Dass sich diverse NS-Abkürzungen im heutigen Sprachgebrauch mit völlig anderer Bedeutung finden, liegt in der Natur der Sache: Der nationalsozialistische DBB (Deutscher Billard Bund) wird zu einem unverdächtigen DBB (Deutscher Basketball Bund) und die nationalsozialistische AHS (Adolf Hitler Schule) zur modernen AHS (Allgemeinbildende Höhere Schule). Bisweilen steht die Abkürzung sogar für das Gleiche, nur hat sie die Ideologie an den Nagel gehängt, wie im Fall des VW (Volkswagen). Würden sich nicht-nationalsozialistische Abkürzungen wie Arge (Arbeitsgemeinschaft), ZG (Zentralgenossenschaft) oder die allgegenwärtige SMS unter die NS-Stummelwörter mischen: Fielen sie als Fremdkörper auf?