(irr) Natürlich hätte dieses Buch anders heißen können. Reißerischer. "Die Untergangskultur" etwa, Untertitel: "Rituale, Raketen und Russell Crowe". Der Literaturwissenschafter Terry Eagleton hat sein Buch aber schlicht "Kultur" genannt, und das spiegelt sein kommerzkritisches Wesen ebenso wider, wie es das Sujet trifft: "Kultur" fächert die Bedeutungsfülle eines schillernden Begriffes auf. Dieser bezeichnet ja nicht nur ein sehr enges Feld (Kunst) und ein weites (Sitten eines Volkes). Das Wort diente im Lauf der Zeit verschiedenen Konzepten. Im 19. Jahrhundert etwa sollte "Kultur" Gegenstück zu einer schnöden Industriewelt sein; später war sie als Kritik an der Politik gefragt. Aber auch als Gegenteil war sie erwünscht, als Verführer: Nichts füge Außenseiter so geschmeidig in eine Gesellschaft ein wie ein Arsenal an hübschen Gepflogenheiten. Wobei "Kultur" auch ein Protzobjekt sein kann - der vermeintliche Vorsprung des Westens gegenüber Ländern, die noch nicht das Glück haben, "Cruise Missiles und Charlie Sheen" zu besitzen, schreibt Eagleton bissig.

Es geht ihm hier freilich nicht um eine reine Liste. Mit dem Witz eines Neil Postman, aber auch Differenzierungskraft ortet er einen fortschreitenden Klammergriff: "Kultur", einst Verheißung einer besseren Welt, sei während der Geburt der Nationen in einen "Strudel des Nationalismus" gerissen worden, "verfing sich in der rassistischen Anthropologie, wurde von der allgemeinen Warenproduktion vereinnahmt". Dieser Kommerz werde heute mitnichten von linken Kulturkonzepten gehemmt. Im Gegenteil: Die Behauptung, dass Diversität ein Wert an sich sei und jeder willkommen sei, nütze der Ware: Denn sie mache sich "mit jedem gemein, vorausgesetzt, er hat das nötige Kleingeld".

Ob nun als Ware oder Floskel: Das Wort "Kultur" sei heute inflationär im Einsatz und decke so auch Probleme zu, die in Wahrheit anderen Ursprungs seien, nämlich etwa politisch. Was tun? Eagleton will die Kultur wieder in ihre utopische Position setzen. Denn: "Wir stecken noch immer in einer Welt von Massenarbeitslosigkeit", "einer Welt, in der der Staat immer noch als willfähriges Werkzeug derart den Interessen der herrschenden Klasse dient, wie es sich kein überzeugter Vulgärmarxist kruder hätte ausmalen können".