Ideologisches Wespennest

Natürlich ist dieser Hintergrund des Anschlussgedankens ideologisch völlig anders motiviert als der tatsächliche "Anschluss" 1938. Dass die Anführungszeichen also nicht zuletzt eine historische Unterscheidung zu den vorangegangenen Bestrebungen markieren, darin besteht für die befragten Historiker kein Zweifel.

Mit der Frage, welche Haltung zum "Anschluss" selbst mit den Anführungszeichen markiert wird, sticht man allerdings in ein ideologisches Wespennest. Einerseits spielen die kleinen Striche darauf an, dass der Begriff des "Anschlusses" der gewaltsamen Einnahme Österreichs nicht gerecht wird. "Im staatsrechtlichen Sinn war es ein aggressiver Akt", sagt Leidinger. Auch andere Historiker geben zu bedenken, dass die junge Republik systematisch von Berlin aus sowie auch in den eigenen Reihen destabilisiert und letztlich gewaltsam annektiert wurde. Der Anschlussbegriff täuscht somit laut Florian Wenninger eine Freiwilligkeit vor, die es in dieser Form nur bei einem Teil der Bevölkerung gab.

Anders interpretiert betont der "Anschluss" aber genau diese Unfreiwilligkeit zu stark. Er impliziert laut dem Historiker Herbert Posch von der Universität Wien einen rein passiven Vorgang - etwas wird angeschlossen. Die Tatsache, dass es durchaus auch ein aktives Hinarbeiten auf den "Anschluss" in der Bevölkerung gab, gehe damit verloren. Also können die Anführungszeichen auch ein Opferrollen-kritisches Statement abgeben: "Wer darauf hinweisen möchte, dass die Machtübernahme der Nazis im Land nicht einfach nur eine Folge externer, sondern auch interner Entwicklungen war, setzt den Begriff ‚Anschluss‘ ebenfalls unter Anführungszeichen", meint Wenninger.

Bis zu welchem Grad der "Anschluss" gesellschaftlich tatsächlich bejubelt oder bloß duldend hingenommen wurde, bleibt allerdings kaum festzustellen. Unterdrückungs- und Einschüchterungspolitik einerseits, pro-nationalsozialistische und großdeutsche Stimmung andererseits, sind Pole einer gesellschaftlichen Spaltung, die bis heute ihre Gräben zieht.

Praktisch also, dass ein kleines Symbol wie das Anführungszeichen den Anschlussbegriff nach allen Seiten hin relativiert. In einem Punkt sind sich wohl alle einig: Einem derart vielschichtigen Vorgang wie dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich 1938 kann ein einziges Schlagwort wohl niemals Rechnung tragen. Ob Opfer oder Täter, Besetzte oder Aktive - die Anführungszeichen vereinen die erinnerungspolitische Spaltung eines Landes so sehr wie kaum ein anderes schriftliches Symbol.

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