Fliegen an sich hat schon etwas Teuflisches, und der Besen zwischen den Beinen gibt der Frau einen erigierten Penis. - © Flickr, Iain Middleton-Duff
Fliegen an sich hat schon etwas Teuflisches, und der Besen zwischen den Beinen gibt der Frau einen erigierten Penis. - © Flickr, Iain Middleton-Duff

Am Montag fliegen wieder die Hexen! Da ist Walpurgisnacht. In der Nacht vor dem 1. Mai hält der Teufel Hof auf dem Blocksberg und die Hexen feiern Sabbat. Heidnisches Mai-Brauchtum dringt tief vor in christliche Vorstellungswelten. Die Sinnenfreude verstört die prüde Religion, die schließlich doch zuschaut und sich, in altbekannter Vorgangsweise, die Bräuche umdeutet und anders besetzt. Doch das Heidentum schimmert immer noch durch. Der Wonnemonat drückt sich aus in Symbolen für den erigierten Phallus, etwa den Maibäumen, die, glitschig gemacht, von den Burschen erklommen werden müssen. Um den Maibaum herum tanzen die Mädchen einen Rundtanz.

Und überhaupt die Hexen, die, auf einem Besen reitend, durch die Luft fliegen: Da kommt alles zusammen, was dem mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Christenmenschen die Haare zu Berge stehen lässt. Fliegen an sich hat schon etwas Teuflisches, und der Besen zwischen den Beinen gibt der Frau einen erigierten Penis. Wenn eine patriarchalische Gesellschaft etwas fürchtet, dann sind es Verschiebungen im Rollenbild.

Die mächtige Frau ist den Männern suspekt

Die mit Macht ausgestattete Frau ist in einer männlich dominierten Gesellschaft sowieso suspekt. Wenn nun die Frau ihre Macht obendrein nicht auf legalem Weg erlangt, der ihr ohnedies versperrt ist, sondern auf dem Umweg über Sex mit Satan, und diese Macht dann obendrein in Schadenszauber besteht, kommt das göttlich geordnete Weltbild dermaßen durcheinander, dass man dagegen etwas unternehmen muss. Dann brennen eben die Hexen. So nebenbei können sich Kirche und Magistrat dann eventuell auch noch Grundstücke und andere Besitztümer einverleiben kann.

Der Glaube an die übelwollende Hexe ist so alt wie patriarchalische Gesellschaften: Circe und Medea dürften die ersten Hexen der Literatur gewesen sein. In der Realität herrscht die Angst vor einer Weltverschwörung der Teufelsbotschafterinnen. Erst in der Aufklärung verliert die Hexe ihre Vorrangstellung im Volksaberglauben, aber die Romantik bringt die weibliche Schreckgestalt Nummer eins in den Sagen- und Märchensammlungen zurück. Grimms Hänsel und Gretel geben der Hexe sogar, was ihr christlicherweise gebührt, nämlich den Feuertod. Die Zeit ist noch nicht reif, über den alten Irrsinn zu reflektieren.

Johann Wolfgang von Goethe indessen hat dem Hexensabbat im ersten Teil des "Faust" ein einzigartiges literarisches Denkmal gesetzt. Sogar alte mathemagische Praktiken finden da ihren Platz im "Hexeneinmaleins": "Du mußt verstehn! / Aus Eins mach‘ Zehn, / Und Zwei laß gehn, / Und Drei mach‘ gleich, / So bist Du reich. / Verlier‘ die Vier! / Aus Fünf und Sechs, / So sagt die Hex‘, / Mach‘ Sieben und Acht, / So ist’s vollbracht: / Und Neun ist Eins, / Und Zehn ist keins. / Das ist das Hexen-Einmal-Eins!" Das ist ein hexenmäßig korrumpiertes Magisches Quadrat - Mathematik ist immer und überall letzte Wahrheit. Aber was bedeutet Wahrheit schon den Teufelsbuhlerinnen?