Der Trend ist auch bei uns angekommen. Junge Leute, vor allem aus Russland, China, aber auch Mitteleuropa, sind mit 20 fertig - jedoch mit dem Körper und nicht mit der Ausbildung. Sie werden mit zwölf reingeschossen, sind mit 15 oder 16 Weltklasse und mit 20 auf Schmerztabletten eingestellt. Mit spätestens 30 können sie nur noch unterrichten. Aber der Beruf des Artisten verlangt so viel Zeit, wenn man mehr als nur Technik zeigen und nicht farblos sein will.

Wie findet man gute Artisten?

Wow, ist das schwierig. Das Niveau muss hoch sein, aber auch die Person muss passen. Wenn die die Diva abziehen oder herumzicken, das ruiniert alles. Der Artistenjob ist auch kein Nine-to-five-Ding. Wir arbeiten als Team für den gesamten Zirkus und nicht für eine Show. Darum ist es so schwierig, wirklich gute Artisten zu finden, weil "gut" so viel impliziert.

Von Zirkussen hört man immer wieder über finanzielle Nöte. Kann sich ein Zirkus heute erhalten?

Also, wir sind wirtschaftlich gut unterwegs. Zusätzlich zu den Shows haben wir Vermietungen, Events im Zelt oder Workshops. Für unsere Eltern war es in den 1990er Jahren zur Zeit des Aufbaus schwierig. Aber jetzt gehört alles uns. Wir können Step by Step investieren, erhalten und verbessern. Anderen geht es nicht so gut.

Vermutlich ist ein Grund dafür, dass es in Österreich keine staatliche Förderung für Zirkusse gibt.

Leider. In Österreich ist Zirkus, im Gegensatz zu anderen Ländern wie etwa Deutschland kein Kulturgut. Wir jammern nicht, aber mich stört, dass wir als ganz normaler Betrieb gelten und nicht als kulturelle Einrichtung. Wir bräuchten keine eigene Förderung. Ich will nur, dass uns nicht so viele Steine in den Weg gelegt werden. In Deutschland sind Zirkus- und Schausteller von der Kfz-Steuer befreit. Viele Städte haben eigene Festplätze, auf denen Zirkusse Station machen. Unsere Möglichkeiten werden immer weniger. In den 1990er Jahren sind wir alleine im Bezirk Mödling zwölf Stationen angefahren. Heute gibt es nur noch zwei Möglichkeiten: Laxenburg und Wiener Neudorf. Viele Menschen unterstützen uns, doch wir müssen immer wieder anklopfen. Doch wir wollen kein Mitleid für den Zirkus. Weil wir sind und bleiben Unterhaltung für unsere Zuschauer. Sie sollen Spaß haben.

Ist Unterhaltung die einzige Aufgabe des Zirkus?

A. Schneller:Wir setzen versteckte Botschaften. Bei uns gibt es keine Waffen. Wenn es bei der Jagdszene ein Gewehr gibt, hat das einen Knoten. Das ist so eine kleine Anekdote an die Gesellschaft. Meine Mädels haben sexy Outfits an, aber nicht zu knapp. Wir vermitteln Werte wie Familie, Zusammenhalt, Respekt, Vertrauen. Also ein bisschen Bildungsauftrag, jedoch keinen politischen. Zirkus hat unparteiisch zu sein.

R. Schneller:Zirkus ist auch Aufklärung. Wir leben zum Beispiel vor, sich für karitative Zwecke einzusetzen. Es werden immer weniger Menschen, die ehrenamtlich arbeiten. Das ist sehr schade.

Ihnen sind soziale Projekte - vor allem mit Kindern - ein Anliegen. Vor fünf Jahren haben Sie den ersten Charity-Zirkus ins Leben gerufen. Was steckt dahinter?