Seit Januar erleben Initiativen für Gleichberechtigung und Feminismus einen gewissen Zulauf in China. Da soziales und zivilgesellschaftliches Engagement von Chinas Staats- und Parteiführung nicht gewollt ist, gehen die Aktivistinnen entsprechend vorsichtig vor. Und nicht wenige beziehen sich in ihren Äußerungen und Stellungnahmen auf die Verse und Zeilen von Chinas erster Feministin und Revolutionärin Qiu Jin. Was die beiden Generationen eint, ist der Widerwille gegen bestehende Machtstrukturen, der im Falle von Qiu tödlich endete.

Qiu Jin wurde zur Heldin des modernen Feminismus. - © CC
Qiu Jin wurde zur Heldin des modernen Feminismus. - © CC

Verheiratung als ultimativer Verrat

1875 wurde sie als Kind einer angesehenen Familie in der südchinesischen Hafenstadt Xiamen geboren und genoss eine - nach damaligen Standards - sorgenfreie Kindheit. Nach dem gängigen Schönheitsideal wurden ihr jedoch die Füße gebrochen und gebunden. Qiu hasste ihre Verkrüppelung und empfand es als ultimativen Verrat, als sie von ihren Eltern an den Sohn einer wohlhabenden Familie aus Hunan verheiratet wurde. Nach sieben Jahren Ehe zog das Paar mit zwei Kindern nach Peking, wo Qiu sichtlich aufblühte und zunehmend rebellierte. Sie band sich nicht mehr die Füße, trank beträchtliche Mengen an Wein, übte sich im Schwertkampf und engagierte sich zunehmend in politischen Fragen.

Ihre Ehe mit einem aus ihrer Sicht unkultivierten und desinteressierten Mann empfand sie von Beginn an als Gefängnis, und mit 28 Jahren wagte sie den ultimativen Bruch: Sie verließ ihren Ehemann mitsamt den zwei Kindern, verkaufte ihren Schmuck und schrieb sich dafür an einer Privatuniversität in Tokio ein. Dort war sie allerdings selten gesehen. Lieber schrieb sie Gedichte oder traf sich mit gleichgesinnten Studenten, die von der Revolution in China träumten, dem Umsturz des Kaiserreiches und dem Fall der Qing-Dynastie.

Bomben bauen für junge Revolutionäre

Dieses Ziel hatte sie vor Augen, als sie zwei Jahre später in ihre Heimat zurückkehrte und das "Chinesische Frauen Journal" veröffentlichte. Im Gegensatz zu vergleichbaren Zeitschriften wollte sie ein größeres Publikum erreichen und bemühte sich daher um eine klar verständliche, volkstümliche Sprache, was jedoch ohne Erfolg blieb. Enttäuscht vom Misserfolg des Magazins verlegte sich Qiu nun auf die Herstellung von Bomben und betrieb in Shaoxing eine Schule für junge Revolutionäre. Den Truppen der Qing-Regierung blieb das aufrührerische Treiben nicht lange verborgen. Als Soldaten schließlich in Richtung Shaoxing marschierten, weigerte sich Qiu, vor ihnen zu fliehen, wodurch sie in den Augen von Feministinnen und Revolutionären zu einer Ikone wurde. Historiker gehen eher von einer Fehleinschätzung der Situation aus, denn eigentlich hätte Qiu ausreichend Zeit zur Flucht gehabt. Stattdessen wurde sie am 15. Juli 1907 gefangen genommen, gefoltert und schließlich geköpft.

Mehr als 100 Jahre nach ihrem Tod pilgern immer noch viele Chinesen zu ihrem Grab am Westsee in der Provinz Hangzhou, um der ersten Feministin des Landes Respekt zu erweisen. Ihren Nachfolgerinnen dient sie als Vorbild und Warnung zugleich, denn ganz ungefährlich leben Chinas Frauenrechtlerinnen auch heute nicht. 2015 sorgte etwa ein Fall für Aufsehen, als fünf junge Frauen im Vorfeld des Weltfrauentages verhaftet wurden. Der Grund: Sie wollten Flugblätter gegen sexuelle Belästigung verteilen.