Der berühmteste Kuss der Welt ist nicht in Gold gemalt. Der berühmteste Kuss der Welt steht schwarz auf weiß in den Märchenbüchern. Nur nicht bei den Brüdern Grimm. Deren "Froschkönig" nämlich bleibt ungeküsst. Brutal wird er an die Wand geklatscht. Die Sache mit dem Kuss entstammt einem anderen, kaum bekannten Grimm-Märchen, nämlich dem "Froschprinzen". Irgendwie dürften die beiden kindgerecht verharmlosend überblendet worden sein, und ausgerechnet diese korrumpierte Version hat bis zum Sprichwort "einen Frosch küssen" Eingang ins Volksbewusstsein gefunden. Darf der Kuss für den lurchesken Aristokraten ganz und gar küchenpsychologisch erklärt werden? - Nach dem ersten Kuss fühlt man sich als König.

Ganz recht, dass diesem Hochgefühl ein internationaler Tag gewidmet ist: Heute also ist Tag des Kusses. Ausgerechnet die als prüde verschrieenen Briten haben den "Kissing Day" erfunden. Zum ersten Mal hat er als nationales Ereignis am 6. Juli 1990 stattgefunden. Man munkelt, man habe der Thatcher-Askese ein Zeichen der Lebenslust entgegensetzen wollen. Wer weiß, ob es stimmt?

Damit zum zweitberühmtesten Kuss, dem auf Leinwand. Wien ist Klimt und Klimt ist Kuss. Wollen wir aber einmal genauer hinschauen auf die jugendstilistische Hormonsteigerung? - Dann sehen wir einen Mann, der, selbst recht massig, einer in Verzückung vor ihm knieenden Frau seinen Kuss aufdrängt: eine Männerfantasie auf Goldgrund, nur durch die souveräne Maltechnik den Gefilden des Kitsches entkommen. Bei Klimt fragt man halt nicht nach Geschmack, könnte ja sein, dass einen sonst der Vorwurf des Kunstbanausentums trifft.

Fische küssen

Die Berührung von Lippenpaar zu Lippenpaar (um das jetzt nicht tiefer auszuführen) ist, wer wollte es bezweifeln, eines der ältesten Themen der Menschheitsgeschichte. Vielleicht ist es sogar der Kuss, oder vielmehr die durch ihn mitgeteilte Emotion, die den Menschen zu Menschen macht.

Vorsicht, nicht poetisch werden! Zumindest Tauben und Wellensittiche schnäbeln und es gibt sogar küssende Fische - die Guramis. Wer will mit Sicherheit sagen, was zwischen ihnen abgeht, wenn Fischmund auf Fischmund trifft? Liebes- oder Fütterungsritual, das ist die bisher unbeantwortete Frage. Ach ja, Schimpansen küssen einander auch - was immerhin die Möglichkeit eröffnet, dass der Mensch doch nicht von Taube und Gurami abstammt.

Geschrieben darüber haben freilich nur die Menschen, und das seit uralter Zeit. Kaum einer war so berauscht von Küssen wie der römische Dichter Gaius Valerius Catullus: "Gib mir tausend Küsse, sodann hundert, / dann tausend weitere, ein zweites Mal hundert / dann immer weiter tausend mehr und danach hundert." Macht nach Adam Taschenrechner dreitausenddreihundert Küsse. Mindestens. Denn es heißt ja: "dann immer tausend mehr". Letzten Endes werden sie die ganze Nacht durchgeküsst haben, was sich gerade für das römische Verständnis von einer Liebesnacht, keusch ausnimmt. Ovid sei als Zeuge aufgerufen: "Wer, wenn den Kuss er geraubt, sich nicht auch noch mehr dazunimmt, der hat gewiss nicht verdient die Gunst, die zuteil ihm geworden."