Eine andere Sache ist das Gehirn quasi als Gruselobjekt. Ist es vom Kopf getrennt, erreicht es auf der Igitt-Skala von eins bis zehn (wobei eins der Anblick einer sommerlichen Gelse ist und zehn der des gegen das Auge geführten Messers im Film "Ein andalusischer Hund") so ungefähr Grad elf. Dementsprechend die Hervorbringungen des Genres an der Grenze von Horror und Science Fiction: In "Donovans Brain", 1953 von Felix E. Feist nach einer Geschichte Curt Siodmaks gedreht, dürfte der Auslöser gewesen sein: "The Brain From The Planet Arous" (1957), "Fiend Without A Face" (1958) - zugegeben, Meisterwerke des Genres sind die beiden nur gemessen an "They Saved Hitler’s Brain" (1968). In "Brain Eaters" holt sich Leonard "Spock" Nimoy eine erste Hirn-Erfahrung, die er dann später brauchen kann in der Star-Trek-Folge "Spocks Gehirn", in der dem Vukanier das Gehirn gestohlen wird.

Das Gehirn und der Marsch

Übrigens hat Jahrzehnte zuvor Frankenstein seinem Monster ein Verbrecher-Gehirn eingepflanzt, allerdings nur (erstmals) 1931 in der Verfilmung von James Whale. Im Roman von Mary Shelley wird die Herkunft des Gehirns nicht weiter ausgeführt. Und Felix van Reijn destilliert aus Gehirnen Erfahrungen und Wissen und pflanzt es sich selbst ein - und zwar in der ersten Folge von Rainer Erlers Fernsehserie "Das blaue Palais", gegen die sich "Akte X" ausnimmt wie eine sanfte Neusiedlersee-Brise gegen einen Pazifik-Taifun.

Selbstverständlich gieren auch die meisten Zombies nach einer Gehirnmahlzeit. Mag sein, dass da ein bisschen was durcheinander geworfen wird. Kannibalismus war nämlich, außer bei Dr.Lecter, nie eine Frage der Kulinarik, sondern immer eine der Ritualmagie: Man wollte Kraft und Wesen des Toten in sich aufnehmen - in höchster Transzendenz entspricht das dem "dies ist mein Leib - dies ist mein Blut" der Christen. Wenn es die Zombies, also die lebendig gewordenen Toten, nach den Gehirnen der Lebenden verlangt, so deshalb, weil das Gehirn als erstes verwest. Ein Zombie will sich nur zurückholen, was ihm die Würmer genommen haben. Weshalb Zombies freilich ausgerechnet durch Kopfschüsse getötet werden können, wenn doch im Kopf nichts ist, was beschädigt werden kann, macht den größten Teil der Zombiegruseleien zu ziemlich hirnlosen Angelegenheiten.

Und überhaupt: Ist den Zombies jedes Gehirn recht? Schließlich sagt der irische Schriftsteller George Bernard Shaw: "Ein ungeübtes Gehirn ist schädlicher für die Gesundheit als ein ungeübter Körper." Kämen die Zombies an geübte Gehirne, vielleicht könnten sie dann auch ihren Zeitlupenwackelgang ablegen.

Gleich zackig marschieren brauchen sie deshalb auch wieder nicht, da sei der Physiker aller Physiker vor: "Wenn einer mit Vergnügen zu einer Musik in Reih und Glied marschieren kann, dann hat er sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde", meinte Albert Einstein und erinnerte sich dabei wohl an die von donnernder Marschmusik begleiteten Paraden der Nationalsozialisten.

Ehe man sich freilich in deren moralische Niederungen begibt, schnell etwas Erfreulicheres, nämlich Essen und Gehirn, und zwar nicht in hannibaleskem Sinn. Gut fürs Gehirn sollen Karotten sein, Dinkel, Birnen, Knoblauch, Brokkoli und vor allem Nüsse. Doch das schmackhafteste Dinkel-Knoblauch-Birnen-Müsli ändert nichts daran, dass am allerbesten das Gehirn-Jogging ist, anders gesagt: der Denksport, das Lernen. Das Gehirn will trainiert werden - ganz so, als wäre unser Eiweißcomputer in Wahrheit ein Denkmuskel.