Es war eine Meldung, die im Hollywood-Patriarchat wie an den analogen und digitalen Stammtischen für einiges an Häme gesorgt hat: Am Montag wurde bekannt, dass eine der bekanntesten und lautesten Anklägerinnen in der Missbrauchsaffäre um den Filmproduzenten Harvey Weinstein selbst mit Vorwürfen sexueller Gewalt konfrontiert wird. Harvey Weinstein selbst ließ über seine Anwälte ausrichten: "Diese Entwicklung enthüllt ein atemberaubendes Level an Scheinheiligkeit von Asia Argento."

Wie die "Wiener Zeitung" berichtete, soll Asia Argento einen Schauspielkollegen vergewaltigt haben. Jimmy Bennett war 2013 17 Jahre alt, als Argento an ihm Oralsex praktiziert haben soll. Danach sei es laut Bennett auch zu Geschlechtsverkehr gekommen. Die Summe von 380.000 Dollar habe schließlich den Besitzer gewechselt, damit diese Episode unter Verschluss gehalten werde. Die "New York Times" hat nun aber angeblich Dokumente, die dieses Schweigen beenden. Argento hat die Vorwürfe am Dienstag dementiert. Sie sei "zutiefst schockiert" über die "absolut falschen" Nachrichten und sprach von "Verfolgung". Sie habe nie irgendeine Form einer sexuellen Beziehung mit Bennett gehabt.

"Tyrannin"

Der Hintergrund der Beziehung zwischen Asia Argento und Jimmy Bennett ist nicht unpikant: Mit sieben Jahren spielte er ihren Sohn im Film "The Heart is Deceitful Above All Things", Argento führte Regie und spielte die Hauptrolle. In einem Interview mit dem "Spiegel" erinnerte sie sich an die Dreharbeiten so: "Am Set war ich eine Tyrannin. Ich bin an so vielen Leuten schuldig geworden. Das Böse gewann Oberhand, und ich verhielt mich zu allen Mitarbeitern wie die Mutter im Film, ich nutzte sie aus, schob sie herum, schrie sie an. Ich war eine Diktatorin."

Die Biografie von Asia Argento ist schillernder als die anderer Aktivistinnen der #MeToo-Bewegung. Sie ist die Tochter des gefeierten Horrorregisseurs Dario Argento. Sie stand mit acht Jahren zum ersten Mal selbst vor der Kamera, mit 17 spielte sie erstmals in einem der Filme ihres Vaters. Es war ihre erste Rolle als Frau, die männlicher Gewalt ausgesetzt ist. Es sollte nicht die letzte bleiben. Schon im Teenageralter wurde sie vorwiegend für verruchte Rollen gebucht. Argento war sich dieser Festlegung durchaus bewusst und arbeitete auch damit, etwa wenn sie kaum verhüllt zu Interviewterminen erschien.

Bereits 1997 soll es zum schicksalhaften Zusammentreffen mit Harvey Weinstein gekommen sein. In einem Hotelzimmer habe der Produzent ungewollt Oralsex an ihr praktiziert. In den fünf Jahren danach hatte Argento freilich mehrfach willentlich Sex mit Weinstein - weil sie, wie sie sagt, sich dazu verpflichtet gefühlt hatte. Das machte sie für manche zu einer schwierigen Vertreterin der #MeToo-Bewegung.

Eine der Erfinderinnen dieses Hashtags, Tarana Burke, hat schon die Sorge geäußert, dass mancher die Argento-Enthüllung dazu nützen würde, um die Bewegung, die darum kämpft, dass Opfer sexueller Gewalt sich an die Öffentlichkeit wagen, zu diskreditieren. Eine solche Entwicklung wäre an Absurdität kaum zu übertreffen. Weil ein Opfer genauso vorgegangen ist wie sein Täter, heißt das bekanntlich noch lange nicht, dass die Tat dadurch besser wird. Auf einen Backlash für die Anklägerinnen hoffen naturgemäß die Anwälte von Harvey Weinstein, die in herzlichem Zynismus verkündeten: Am "ungeheuerlichsten" sei das Timing, denn zur selben Zeit, als Argento sich mit der Schweigegeldzahlung befasst habe, sei sie zur Vorkämpferin derjenigen geworden, die Weinstein verurteilt hätten.