• vom 05.11.2018, 15:04 Uhr

Kultur

Update: 05.11.2018, 15:23 Uhr

Sachbuchkritik

Mögen’s manche so heiß?




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Von Heiner Boberski

  • Zwei Forscher über die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts, den Klimawandel.

Orcas in der Arktis: Der Klimawandel und die zurückweichenden Eismassen machen es den Eisbären schwerer und den Killerwalen leichter, im Nordpolarmeer zu jagen.

Orcas in der Arktis: Der Klimawandel und die zurückweichenden Eismassen machen es den Eisbären schwerer und den Killerwalen leichter, im Nordpolarmeer zu jagen.© dpa/Andrew Foote Orcas in der Arktis: Der Klimawandel und die zurückweichenden Eismassen machen es den Eisbären schwerer und den Killerwalen leichter, im Nordpolarmeer zu jagen.© dpa/Andrew Foote

Schon im Jahr 2005 lieferten die Wiener Meteorologen und Klimaforscher Helga Kromp-Kolb und Herbert Formayer, mit ihrem "Schwarzbuch Klimawandel" unangenehme Prognosen, für die man leicht die abwertend gemeinte Bezeichnung Kassandra erhält. Wir wissen freilich, dass die mythische Kassandra, die den Untergang Trojas prophezeite, mit ihrer Vorhersage völlig recht hatte. Inzwischen haben sehr viele Menschen begriffen, dass die globale Erderwärmung nicht der Phantasie von nach Forschungsgeldern gierenden Klimatologen entspringt, sondern in vollem Gange ist. Wie dramatisch die Lage ist, hat erst kürzlich der Weltklimarat IPCC betont und dringend zum Umbau der Weltwirtschaft aufgerufen.

Die Verantwortung des Menschen

Information

Sachbuch

+2 Grad

Helga Kromp-Kolb,

Herbert Formayer

Molden Verlag, 2018, 208 Seiten,

23 Euro

Was zu dieser Thematik wissenswert ist, servieren Kromp-Kolb und Formayer nun in ihrem neuen Buch "+2 Grad" mit dem Untertitel "Warum wir uns für die Rettung der Welt erwärmen sollten". Das Buch werde "nicht ungeteilte Zustimmung finden", vermuten die beiden Autoren, die in ihrer Einleitung vom "Blick über den Tellerrand" schreiben, da sie weit über ihren Fachbereich hinausgehen: "Wenn man den Klimawandel nicht nur als Forschungsgegenstand betrachtet, sondern die Forschungsergebnisse als Aufforderung, an Lösungen mitzuarbeiten, versteht und daraus Verantwortung ableitet, kann man nicht bei der Berechnung von Temperaturänderungen haltmachen. Dann muss man sich über die Auswirkungen Gedanken machen und über die tiefer liegenden Ursachen für das Nichthandeln der Politik und der Gesellschaft."

Kritik an ihrem Buch erwarten Kromp-Kolb und Formayer vor allem, "weil es dem Weltbild des neoliberalen Denkens diametral widerspricht". Die Welt sei unsicherer geworden, ein nuklearer Krieg weniger unwahrscheinlich, die Demokratie brüchiger. "Der Klimawandel verschärft bestehende Probleme und schafft zusätzliche", meinen sie völlig zu Recht. Nur ein Beispiel dafür ist die zunehmende Migration, die man bei Menschen oft mit inhumanen Mitteln zu stoppen versucht. Bei Pflanzen und Tieren muss man sie aber längst als Kennzeichen des Klimawandels hinnehmen.

Kern des Buches ist die Erklärung, warum zwei Grad globale Erwärmung ein Problem sind. Jeder kann klare Symptome des Klimawandels wahrnehmen, sei es die Zunahme extremer Wetterereignisse - Stürme, Überschwemmungen, Dürren - oder die objektiv messbare Verschiebung der Jahreszeiten.

Bei uns setzt die Apfelblüte heute im Durchschnitt etwa zwei Wochen früher ein als noch vor 40 Jahren, was bei Kälteeinbrüchen die Gefahr schwerer Frostschäden erhöht. Der Klimawandel selbst wird kaum noch bezweifelt, aber mitunter bestritten, dass der Mensch ihn beeinflussen kann. Für die Forscher ist evident, dass der Ausstoß von Treibhausgasen und die Erderwärmung zusammenhängen. Dass die Erde schon etliche Klimaveränderungen überstanden hat, sei zwar richtig, schreiben sie, aber harmlos lief das nicht ab: "Seit dem Entstehen des Lebens auf der Erde vor ungefähr 500 Millionen Jahren hat es aufgrund von Klimaschwankungen fünf Massensterben gegeben, bei denen die Erde nur knapp einer vollständigen Auslöschung allen Lebens entkommen ist."

Jedes Kapitel des Buches leiten oft gestellte Fragen ein, die dann populärwissenschaftlich beantwortet werden. Kromp-Kolb und Formayer rufen den Einzelnen zu einem klimafreundlichen Lebensstil auf. Natürlich müsse auch die Politik handeln, sie sei aber gerade in Demokratien auf "die Akzeptanz der breiten Bevölkerung angewiesen, um langfristige und weitreichende Maßnahmen umsetzen zu können". Dafür solle man jedenfalls kämpfen, denn es stehe "viel, wenn nicht sogar alles auf dem Spiel".





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-05 15:16:07
Letzte Änderung am 2018-11-05 15:23:03


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