• vom 28.11.2018, 16:59 Uhr

Kultur

Update: 29.11.2018, 14:55 Uhr

Mission

Gefährliche Predigten




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Von Edwin Baumgartner

  • Ein Missionar ist auf North Sentinel Island getötet worden – Sinn, Unsinn und Gefahren der Missionierung.

Einen fremden Glauben verbreiten kann natürlich gewachsene Kulturen gefährden. - © Thierry Falise/Getty

Einen fremden Glauben verbreiten kann natürlich gewachsene Kulturen gefährden. © Thierry Falise/Getty

Ein Missionar rudert in einem Boot an eine Insel, um die dort lebenden Menschen zu bekehren. Sie empfangen ihn mit einem Pfeilhagel, töten ihn und vergraben seine Leiche. Das könnte in einem Roman von Robert Louis Stevenson geschehen, in einem von Frederick Marryat oder Jules Verne. Dieser Vorgang geschah jedoch jüngst auf North Sentinel Island, einer Insel der Andamanen im Indischen Ozean.

Ist dieser Vorgang an sich schon ungeheuerlich, folgt ein noch ungeheuerlicherer: Die meisten Medien berichten darüber in Kurznotizen. Jeder Wirrsatz von Donald Trump verursacht mehr Aufregung als der Tod dieses Menschen. Was gilt schließlich in unserer profanen Zeit schon das Leben eines Missionars? Zumal dann, wenn man in der westlichen Welt vor lauter politischer Korrektheit nicht weiß, wie man mit der anderen Seite, also den Sentinelesen, umgehen soll. Mit Pfeil und Bogen einen Missionar töten - da könnte das Bild des gar nicht edlen "Wilden" unliebsame Urständ feiern. Lieber gar nicht daran rühren - oder wenn, dann nur in dem Sinn, dass keine Religion heute mehr gefährdet ist als das Christentum. Was gewiss stimmt, nur, dass sich dieser Fall für die Exemplifizierung nicht ansatzweise eignet.

In Abgeschiedenheit

Doch überhaupt sollte man sich die konkrete Sache nicht ganz so einfach machen. Der Sentinel-Fall bündelt mehr Fragen nach den Positionen der sogenannten zivilisierten Welt, als man auf einen ersten Blick zu erkennen glaubt.

Der Hintergrund, den man kennen muss: Die Sentinelesen sind ein von der Außenwelt völlig abgeschirmt lebendes Volk. Ihre Insel hat eine Fläche von knapp 60 Quadratkilometer. Weder ist die Sprache der Sentinelesen erforscht noch ihre Kultur. Man nimmt einen in etwa steinzeitlichen Entwicklungsstand an. Marco Polo beschrieb die Bewohner der Andamanen als "wildeste und gefährlichste Menschenrasse, ausgestattet mit Augen, Ohren und Zähnen von Hunden". Der venezianische Reisende gab wohl nur Hörensagen wieder. Gesichert ist, dass die Sentinelesen 2004 einen Hubschrauber, der ihre Insel überflog, mit Pfeilen beschossen. Zwei Jahre später sollen sich zwei Fischer an die Küste von North Sentinel Island verirrt haben. Sie wurden von den Sentinelesen getötet und auf Bambusstäbe gespießt. Ganz mit Fakten abgesichert ist dieser Vorfall allerdings nicht. Und ehe man sich angewidert von den Sentinelesen abwendet: Auch zivilisierte Nationen tolerieren nur in Ausnahmefällen die Verletzung ihrer Grenzen. Wenn man Staaten wie Kroatien, Australien, Israel, den USA (um nur einige aufzuzählen) eine Gegenwehr zubilligt, dann muss das auch für die Sentinelesen gelten. Eine fortgeschrittene Waffentechnik ändert nichts an der prinzipiellen Frage des Rechts, ob eine Bevölkerung das Recht hat, ihr eigenes Territorium gegen als feindselig wahrgenommene Eindringlinge zu schützen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-28 17:10:31
Letzte Änderung am 2018-11-29 14:55:25


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