Aus den Trümmern des sogenannten "Dritten Reiches" entstiegen, nach der bedingungslosen Kapitulation von den Siegermächten besetzt und schließlich im Rahmen zweier gegensätzlicher Staaten BRD und DDR aufgeteilt, gelang schließlich mit dem Ende des Kalten Krieges die schon nicht mehr geglaubte Wiedervereinigung als freiheitlich-demokratisches Gemeinwesen. Auch wenn manche Kritiker vom Entstehen eines "Fourth Reich" warnten, entwickelte sich die Berliner Republik zu einer ökonomisch und politisch dominierenden moralischen Macht auf dem europäischen Kontinent.

Josef Joffes Buch ist explizit kein Bildungsroman, aber die "Karriere der Zweiten Deutschen Republik" liest sich wie einer. Denn der Held durchläuft alle klassischen Entwicklungsstadien: Ungemach und Unglück, das Leben mit der geerbten Schuld, die Vormundschaft der Besatzer, der Wille zur Besserung, die Versuchung der Neutralität zwischen Ost und West im Kalten Krieg, schließlich das Ende des Ost-West-Konflikts und die Wiedervereinigung nach westlichen Rahmenbedingungen.

Angela Merkel symbolisiert dieses Selbstverständnis der "Wiedergutwerdung". Doch die Praxis, mit Hilfe von "Scheckbuch-Diplomatie" realpolitische Verantwortung in der Welt abzuwenden, könne angesichts der Unwägbarkeiten heutiger US-Außenpolitik nicht mehr aufrechterhalten werden. Es brauche einen gestärkten "republikanischen Patriotismus", um künftige Herausforderungen optimal zu meistern. Lesenswert.

Sachbuch

Der gute Deutsche - die Karriere einer moralischen Supermacht

Josef Joffe

C. Bertelsmann, 2018, 256 Seiten, 20,60 EUR.