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Von Christian Ortner

  • Kurz nach dem Tod des Physik-Stars Stephen Hawking kommt dessen gedanklicher Nachlass als sein wohl letztes, aber nicht eben bestes Buch auf den Markt.

Stephen Hawkings Artikel und Textfragmente zeigen den Physiker noch einmal als großen Geist unserer Zeit.

Stephen Hawkings Artikel und Textfragmente zeigen den Physiker noch einmal als großen Geist unserer Zeit.© Getty/afp/Jemal Countess Stephen Hawkings Artikel und Textfragmente zeigen den Physiker noch einmal als großen Geist unserer Zeit.© Getty/afp/Jemal Countess

Gibt es anderes intelligentes Leben im Universum? Können wir die Zukunft vorhersagen? Sind Zeitreisen möglich? Wird uns Künstliche Intelligenz überflügeln? Und, fast unvermeidbar in solch einer Liste: Gibt es Gott?

Es sind nicht gerade einfache Fragen, die der Physiker Stephen Hawking in seinem jüngst erschienenen Buch "Kurze Antworten auf große Fragen" zu beantworten versucht. Wobei die Autorenzeile des Buches nicht ganz präzise ist: Der Text stammt nämlich aus einer Vielzahl von Fragmenten, Notizen, Redemanuskripten, Entwürfen, Artikeln und anderen Textelementen aus dem privaten Archiv des im März 2018 verblichenen Mega-Stars der Populärwissenschaft, zusammengestellt, überarbeitet und zu einem homogenen Werk verarbeitet von einem Mitarbeiter des Verstorbenen.

Information

Sachbuch

Stephen Hawking

Kurze Antworten auf große Fragen

Verlag Klett-Cotta, 2018, 240 Seiten, 20 Euro

Wenig Neues

Darin liegt auch schon das erste Problem des an sich nicht uninteressanten Buches: Für all jene, die mit dem Werk Hawkings einigermaßen vertraut sind, findet sich kaum Neues. Manches fand sich fast wortident in seiner vor fünf Jahren erschienenen Autobiographie, und gerade wenn er sich, noch zu Lebzeiten, zu besonders spektakulären populärwissenschaftlichen Themen geäußert hat, stürzte sich der Boulevard genüsslich auf seine Thesen, die wir nun noch einmal, gleichsam aufgewärmt, serviert bekommen.

Was nichts daran ändert, dass viele Gedanken Hawkings starke Faszination ausstrahlen. Etwa, wenn er die Existenz Gottes nicht kategorisch bestreitet, aber gleichsam logisch einhegt: "Ich denke, das Universum ist spontan aus nichts entstanden, aber ganz in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen. Dabei ist die physikalische Grundannahme der wissenschaftliche Determinismus. Ist
zu einem gegebenen Zeitpunkt der Zustand des Universums bekannt, legen die wissenschaftlichen Gesetze fest, wie es sich weiterentwickelt. Diese Gesetze mögen von Gott erlassen worden sein oder nicht, aber er kann nicht eingreifen, um die Gesetze zu brechen, andernfalls wären es keine Gesetze."

Trotz des schier unglaublichen Optimismus, den der aufgrund einer ALS-Erkrankung auf einen Rollstuhl angewiesene und einen Sprach-Computer benützende Physiker zeit seines Lebens ausstrahlte, sagt er der Menschheit nicht gerade wenig Zores voraus: "Auf die eine oder andere Art sehe ich es als unvermeidlich an, dass entweder eine nukleare Auseinandersetzung oder eine Umweltkatastrophe die Erde irgendwann in den nächsten 1000 Jahren lahmlegen wird." Damit die Menschheit in der Folge nicht exterminiert wird, gebe es nur eine Möglichkeit: "Bis dahin hoffe und glaube ich, dass unsere geniale Rasse einen Weg gefunden haben wird, sich von den Verbindungen mit der Erde loszureißen und so die Katastrophe überleben zu können."

Der US-Millionär Elon ("Tesla", "Space-X") Musk, der demnächst damit beginnen will, den Mars zu kolonisieren, wird das durchaus als Arbeitsauftrag verstehen.

Hawkings Horrorvision

Besonders skeptisch stand der späte Hawking der Möglichkeit gegenüber, ins menschliche Erbgut einzugreifen und so Menschen mit überlegenen physischen oder auch intellektuellen Fähigkeiten zu schaffen. Superreiche, so seine Befürchtung, würden sich früher oder später zu einer "super-menschlichen" Spezies weiterzüchten, gegen die normale Menschen in keiner Hinsicht mehr irgendwelche Chancen haben werden - für Hawking eine schon eher kurzfristig denkbare Horrorvorstellung. "Vermutlich werden sie (die gewöhnlichen Menschen) aussterben oder unwichtig werden. Stattdessen wird es ein Wettrennen zwischen sich selbst-designenden Wesen geben, die sich ständig verbessern."

Wie nicht selten in derartigen Fällen führte der gesunde Erwerbstrieb des Verlages, der legitimer Weise mit dem Superbrand "Stephen Hawking" noch einmal einen Bestseller landen wollte, wohl zu einer etwas hastigen Produktion und damit verbunden einer Reihe von Schlampereien, kleinen sachlichen Fehlern und Ungenauigkeiten, die man je nach Gusto verzeihlich oder ärgerlich finden wird. Wie ein deutscher Rezensent, der darob erbost zur Überschrift "Das Letzte von Hawking" griff. Aber der hätte das mit dem ihm eigenen Humor wohl durchaus heiter gefunden.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-12-06 17:40:43
Letzte Änderung am 2018-12-07 10:19:04



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