Delhi. Für den Medienmacher Chandra Bhan Prasad ist die Errungenschaft des Smartphones nicht nur ein absoluter Glücksfall, sondern auch sein wichtigster Vertriebskanal. "Nur wenige Sekunden, und mein Magazin verbreitet sich bis in die entlegensten Winkel des Landes. Jeder kann es herunterladen und weiterleiten", sagt er. Sein Magazin ist das im Herbst 2017 gegründete "The Dalit Enterprise", angelehnt an das Vorbild "Black Enterprise" der afroamerikanischen Community. Jeden Monat erscheint es mit 100 farbigen Seiten, auf denen erfolgreiche Dalit-Unternehmer porträtiert werden. Jene Leute also, die in den landesweiten Medien schlicht nicht vorkommen.

Wenn Chandra Bhan Prasad in seine Apartmentwohnung in
Delhi lädt, Zitronengras-Tee serviert und über den Status quo der indischen Gesellschaft debattiert, dann umgibt ihn jenes geschwätzig-intellektuelle Flair eines typischen Journalisten aus der indischen Hauptstadt. Nur wenig erinnert dann mehr an seine Herkunft - dass Chandra Bhan Prasad nämlich selbst ein Dalit ist, ein sogenannter Unberührbarer. Jemand, der von klein auf gelernt hat, unterlegen zu sein. Der sein Alter nur schätzen kann, weil seine Geburt nie bei den Behörden dokumentiert wurde. "Als ich aufgewachsen bin, hat das Kastensystem eine fundamentale Rolle gespielt. Es hat sämtliche Regeln des Lebens bestimmt", sagt er.

Das Kastenwesen im Kopf

Chandra Bhan Prasad mit Statue und Magazin. - © Fabian Kretschmer
Chandra Bhan Prasad mit Statue und Magazin. - © Fabian Kretschmer

Geboren wurde Chandra Bhan Prasad vor rund 60 Jahren in einem Dorf der nordindischen Provinz Uttar Pradesh. Zwar war das Kastensystem seit der Unabhängigkeit Indiens 1947 bereits abgeschafft. In den Köpfen der Leute lebte es jedoch weiter wie eh und je: Als der kleine Bub durch seinen Ort radelte, stieg er wie selbstverständlich von seinem Fahrrad ab, bevor er die Reichenviertel durchquerte. Manche Gegenden betrat er nur, nachdem er zuvor seine Schuhe ausgezogen hatte.

Die gesellschaftliche Rangordnung hatte in jenen Tagen niemand ernsthaft angezweifelt, ja selbst die wenigsten als ungerecht empfunden. Sie wurde vielmehr als gottgegeben akzeptiert. Dalits trugen andere Kleidung, aßen andere Gerichte, lebten separiert außerhalb der Dorfgemeinschaft. "Das Kastensystem greift wesentlich tiefer als der Rassismus etwa in den USA. Selbst zur Zeit der Sklaven hielten sich weiße Sklavenbesitzer schwarze Köche. In Indien war es unvorstellbar, dass ein Brahmane das Essen eines Dalits annimmt", sagt Chandra Bhan Prasad.

Der entscheidende Wendepunkt für die Kasten-Hierarchie kam ausgerechnet mit den Wirtschaftsreformen der frühen 90er Jahre, als sich das ehemals sozialistische Indien marktwirtschaftlich öffnete: Viele der Dalits emigrierten in Folge dessen in die großen Städte, wo sie in den Fabriken Arbeit suchten. Folglich waren sie nicht mehr von ihren Landbesitzern abhängig. Ja, mehr noch: Im anonymen urbanen Raum konnten einige von ihnen auch mental die Fessel der Kasten-Hierarchie ablegen.