Chandra Bhan Prasad ist das beste Beispiel: Sein Vater, der für die britische Kolonialregierung arbeitete, konnte als einer von wenigen Dalits aus jener Zeit seine Kinder zur Schule schicken. Der älteste Sohn wurde Polizeioffizier. Chandra Bhan Prasad konnte sogar aufgrund des Quotensystems und hartem Fleiß einen Platz an der prestigeträchtigen Neru Universität in Delhi ergattern. Später forschte er als Gastwissenschafter an der Universität von Pennsylvania. Als erster Dalit heuerte er schließlich bei einer landesweiten Tageszeitung an, schrieb wöchentliche Kolumnen und kommentierte das politische Geschehen. Bereits in jungen Jahren hatte er verinnerlicht, stets exzellent sein zu müssen - besser als die anderen. So wurde Chandra Bhan Prasad schließlich zum Vorbild für seine Community.

Die Selbstbefreiung vor Augen

Wer ein Exemplar von "The Dalit Enterprise" aufschlägt, kann jeden Monat den Werdegang von mehr als einem Dutzend solcher Role Models nachlesen. Eine Ausgabe widmet sich Dalit-Unternehmern in der Hotelbranche, eine andere porträtiert Dalits, die Krankenhäuser führen. "Die Unternehmer, die wir in unserem Magazin porträtieren, werden respektiert - weil sie mittlerweile als hohe Kasten gelten. Das ist die Macht des Kapitalismus", sagt Chandra Bhan Prasad.

In seiner Jugend schloss er sich noch den Maoisten an, um seinen Hass gegen das System zu kanalisieren. Längst jedoch lautet die revolutionäre Losung, die der Dalit propagiert, ganz anders: Mithilfe von Kapitalismus sollen sich die Unterprivilegierten Indiens selbst befreien. "Kapitalismus hat weltweit den Feudalismus vernichtet - und wird letztendlich auch das Kastensystem zerstören. Mir geht es jedoch nicht nur darum, dass Dalits gutes Geld machen, sondern sie sollen auch soziale Tabus brechen. Und der größte Tabubruch für uns ist es, wenn wir in unseren Firmen Angehörige höherer Kasten anstellen", sagte er.

Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg. Noch immer werden Dalits statistisch häufiger Opfer von Ausschreitungen und körperlicher Gewalt - oftmals aus den trivialsten Gründen. Im Juni 2018 etwa wurden drei Buben in einem Dorf in der Provinz Maharashtra verprügelt, nackt ausgezogen und quer durch den Ort zur Schau gestellt, nur weil sie in der Quelle eines höheren Kastenmitglieds gebadet haben. In Gujarat kam es zu Ausschreitungen, nachdem ein 22-jähriger Dalit auf Facebook seinem Profil eine Namens-Endung hinzugefügt hatte, die laut Traditionen für höherrangige Kasten reserviert ist.

Gottheit mit Schreibstift

Wann immer Chandra Bhan Prasad heutzutage sein Heimatdorf besucht, rät er den Bewohnern: Sie sollen ihr Vieh verkaufen, denn deren Aufzucht benötigt die Mitarbeit ihrer Kinder. Sie sollen nicht in Land investieren, sondern in die Bildung ihrer Söhne und Töchter. Ebenso ist das Erlernen von Englisch wichtig - als kastenneutrale Sprache der Wissenschaft und der globalen Welt. "Wenn wir uns auf Hindi begrüßen, dann beugen wir uns mit unserem Kopf automatisch nach unten und falten die Hände. Ganz anders bei einem ,good morning‘ auf Englisch, da ist die Körperhaltung ganz anders", sagt er.

Vor sieben Jahren kam Chandra Bhan Prasad schließlich auf die Idee, der englischen Sprache mit einer gleichnamigen Gottheit zu huldigen: Er ließ eine bronzene Statue errichten, kaum höher als einen halben Meter, die der amerikanischen Freiheitsstatue ähnelt. In der einen Hand hält sie einen riesigen Schreibstift, in der anderen die indische Verfassung, die gleiche Rechte für alle vorsieht. Dalits sollen sie anbeten, um die gesellschaftliche Leiter hinaufzusteigen. In seiner Heimatgegend hat die Dalit-Community der englischen Göttin einen eigenen Tempel errichtet. Die Bronzestatue steht bis heute in Chandra Bhan Prasads Wohnzimmer.

Es ist bezeichnend, dass der Dalit-Intellektuelle ausgerechnet in der Journalismusbranche, der viele liberale, weltoffene Denker angehören, allein auf weiter Flur steht. In den Redaktionen des Landes sind kaum Dalits in den eigenen Reihen. Als im Dezember des Vorjahres etwa in fünf indischen Staaten Lokalwahlen stattfanden, hat kein einziger Fernsehsender einen Dalit als Kommentator angeheuert.

Ob die Mission von "The Dalit Enterprise" auch tatsächlich fruchtet? Chandra Bhan Prasad antwortet schmunzelnd mit einer Anekdote: Vor einigen Wochen sei ein Steuerbeamter sehr wütend auf ihn geworden, nachdem er das Magazin gelesen hatte. "Er hat mich als Betrüger bezeichnet und sagte ungläubig: ‚Erfolgreiche Unternehmer in Anzügen - das können doch keine Dalits sein!‘"