• vom 08.01.2019, 16:36 Uhr

Kultur

Update: 08.01.2019, 17:04 Uhr

Comic

Subversive Unbekümmertheit




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Von Martin Reiterer

  • Japanische Monsterfilme, Mörder und Vampire inspirierten den Wiener Comiczeichner Nicolas Mahler.

Subtiler Unsinn: beide Bilder aus dem Comic "Das Ritual".

Subtiler Unsinn: beide Bilder aus dem Comic "Das Ritual".© Nicolas Mahler Subtiler Unsinn: beide Bilder aus dem Comic "Das Ritual".© Nicolas Mahler

Außerirdische sind auf der Erde eingetroffen. Figuren mit langen Nasen, ihre Arme reichen bis zum Boden, von ihren Helmen ragen stockartige Antennen. Aufgrund ihrer hohen Entwicklungsphase sind sie "in der Lage, (sich) jeder Form des Lebens anzupassen".

Gerufen hat sie Professor Mumufuku, der sich an all jenen rächen will, die ihn für verrückt hielten und ihn aus der Gesellschaft ausgeschlossen hatten. Ihr gemeinsamer Plan: die Vernichtung der Menschheit - mit Beginn in Tokio. Erledigen werden das die riesigen Urzeitmonster, die sie in Kürze zum Leben erwecken werden. In seinem jüngsten Comic, "Das Ritual", widmet sich der Nicolas Mahler dem japanischen Filmtrickmeister Tsuburaya Eiji (1901-1970), der in den 1950er und 1960er Jahren als Leiter der Abteilung für Spezialeffekte an einer Reihe von Science-Fiction- und Horrorfilmen beteiligt war und als Schöpfer der Godzilla-Figur gilt.



Archetypische Konstellationen

Diese Information müsste man sich als Leser allerdings schon woanders herholen, es sei denn, man ist mit dem Genre der japanischen Kaiju-Filme vertraut, im Buch wird der Name des Trickspezialisten nämlich nicht einmal erwähnt. Für Mahlers Comic ist dieses Hintergrundwissen nicht notwendigerweise von Belang. Für die vor zenbuddhistischer Unerschütterlichkeit und vollendeter Sinnbefreitheit strotzende Figur allerdings schon. In einem fiktiven Interview, das der Autor aus Zitaten zusammenstoppelt, breitet sich die trockene Anspruchslosigkeit des Trickmeisters aus - "Ich war mit den Tricksequenzen zufrieden."

Ein ganzes Leben lang konnte Mahlers Tsuburaya in dieser monoton anmutenden Tätigkeit aufgehen, ohne den geringsten Ehrgeiz, etwa bei einem Film selbst Regie zu führen. Einer der Einfälle, für die Tsuburaya berühmt wurde, war es, Monster von Schauspielern in Gummikostümen spielen zu lassen, während die Städte, die sie zerstören sollten, in Miniaturform aufgebaut wurden. "Über die Jahre habe ich Tokio unzählige Male neu aufgebaut", erzählt der in Japan verehrte Trickspezialist, "nur um es wieder zu zerstören." Lapidarer Eigenkommentar: "Natürlich war alles ziemlich sinnlos. Aber was ist das nicht?"

Für Mahler ist das Stoff genug: der lakonische Ton Tsuburayas, die groteske Komik der Monster und der Männer in den Monstern, die Zerstörungswut. "Die totale Künstlichkeit der Zerstörungsszenen und die inhaltliche Monotonie bei diesen Filmen hat mich immer schon angesprochen." Inspiriert haben den Zeichner neben alten japanischen Monsterfilmen und Fotobänden auch seine Japanreisen. Das Nebeneinander von massivem Lärm und kontemplativer Stille in japanischen Städten spiegelt sich auch im Comic.

Der Mann mit Hut und Sonnenbrille aka Tsuburaya erscheint zuerst, das japanische Teeritual zitierend, am Ende eines Tisches mit Tasse und Teekanne. Die Panels wirken jeweils wie eine Bühne. Die Rahmen aus rauen kalligrafischen Pinselstrichen stehen zueinander wie japanische Schriftzeichen. Diese offenen spartanischen Settings in Schwarzweiß und Grauschattierung kontrastieren mit den klar abgegrenzten Panels in Farbe mit satten Hintergründen, in denen Episoden mit Professor Mumufuku, den Außerirdischen oder nach choreografischen Regeln tanzenden Monstern dargestellt werden.

Auch die Monsterfilme sind Rituale. Teetrinken ist lediglich eine Urform des Rituals. Und das war Tsuburayas Anliegen: "Rituale inszenieren". Es ist eigentlich (fast) egal, worüber Nicolas Mahler einen Comic zeichnet. "Um die Handlung ist es mir nie gegangen." Der Satz von Tsuburaya könnte vom Autor selbst stammen. Im Kern sind Mahlers Comics immer auch Spiegelungen archetypische Konstellationen, so wie das Theater in einem komplexen Sinn Spiegelung ist.

"Ich, das sind die anderen", heißt es an einer Stelle in seinen autobiografischen Comics, den fantastischen "Goldgruber-Chroniken" (2017). Als genauer Beobachter nähert sich Mahler den Welten der anderen, die er sich selbst immer wieder neu und aufs Neue zunutze macht. Allerdings aus einer von ihm selbst bestimmten Distanz. Ob gefallene Superhelden oder wiederkehrende Urzeitmonster, ob Schund oder Schopenhauer, Proust oder Bernhard, Berührungsängste zeigt der Wiener Zeichner dabei keine.

Bild- und Sprachkünstler

Über die Jahre und Jahrzehnte hat er die Verbindung zwischen oben und unten, zwischen hoch und tief aufrechterhalten und zugleich den Beweis geliefert, dass es diese Unterschiede so gar nicht gibt. Stattdessen führt der Zeichner-Autor seine Leser immer wieder entlang des Grats zwischen Erhabenem und dem Lächerlichem.

Eine gewisse Vorliebe für Monster, Mörder und Vampire lässt sich vielleicht doch erkennen, denkt man an Musils Moosbrugger, Artmanns Frankenstein oder Jelineks Fremden. So schillernd sie sind, so wenig sind sie uns gänzlich fremd wie auch der Protagonist in Elfriede Jelineks "Der fremde! störenfried der ruhe eines sommerabends der ruhe eines friedhofs", dem Prosadebüt der Nobelpreisträgerin, das Mahler zuletzt für eine Comic-Reihe mit dem Titel "Die Unheimlichen" inszeniert hat.

Der Fremde, der ein Vampir ist, hat viele Gesichter. "der fremde ist nicht der für den er sich ausgibt sondern ein anderer." Der Fremde ist hier der Außenseiter oder auch das verdrängte Begehrte. Stets zugleich Sprach- und Bildkünstler spielt Mahler virtuos mit dem vorliegenden Sprachmaterial Jelineks, verknüpft es nach eigenen Montageregeln mit Bildern aus Pop- und Filmgeschichte wie etwa Murnaus "Nosferatu" oder "Faust" und erfindet die Geschichte neu.

In "solar plexy", ebenfalls 2018 erschienen, montiert der Autor Textteile aus Erotikmagazinen der 1960er, 1970er Jahre zu Gedichten. Da geht es dann um "ausschweifende sexorgien", "potente jünglinge / und lüsterne mädchen". "das füllhorn des alltags / ist voll von reizstoffen / zum ärgern" und "es gibt tage / die haben den teufel gesehen". In seiner subversiven Unbekümmertheit ist für Mahler kein Kanon unantastbar und unangreifbar und kein Trash so schundig, dass man ihm nicht einen Sinn oder subtilen Unsinn entreißen könnte.





Schlagwörter

Comic, Nicolas Mahler

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-08 16:47:20
Letzte Änderung am 2019-01-08 17:04:00


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