Jetzt soll es dem Plastik an den Kragen gehen! Nicht nur die österreichische Regierung mobilisiert gegen umweltschädliche Kunststoffe: Wenn die Umfragen stimmen, dann haben Frau und Herr Österreicher die Plastikvermeidung zu einem ihrer allerobersten Neujahrsvorsätze erkoren. Auf das Plastiksackerlverbot, das in Österreich ab 2020 gelten wird, arbeiten bereits Supermarktketten und diverse Läden hin. Gleichzeitig wird auf Facebook ein Artikel über die "plastikfreie" Stadt Penzance im britischen Cornwall massenhaft geteilt. Der Exorzismus des Plastikteufels ist in vollem Gang. Auf einem anderen Blatt steht, ob er gelingen kann - und wieder, ob er in dieser Form, die Züge des Fanatismus annimmt, überhaupt sinnvoll ist.

Plastikfrei leben?

Tatsache ist, dass vor allem das Meer mit Plastik überfüllt ist. Mittlerweile haben sich regelrechte Plastikwirbel gebildet. Das Meer zermahlt zwar große Plastikteile mit der Zeit zu Staub, aber damit ist das Plastik nicht verschwunden. Nicht biologisch abbaubare Stoffe bleiben im Meer und treten in einen unheilvollen Kreislauf ein: Sie werden von Fischen aufgenommen, die in letzter Konsequenz wiederum auf unserem Speiseplan landen.

Plastikvermeidung - wie beginnen? Das Plastiksackerlverbot wird von Umweltschützern als erster Schritt begrüßt. Doch deren Freude ist der Schrecken der Buchhändler: Wenn Neuware nicht mehr eingeschweißt wird und nur noch in Papiersackerln landet, wird das Buch zur Schönwetterware. Denn die Nässe von Regen oder Schnee durchbricht die Barriere des Papiersackerls und weicht die Ware auf. Womit die Papiersackerln imprägnieren, damit sie kostengünstig bleiben und der wasserabweisende Stoff kein neues Umweltgift darstellt?

Ähnliche Erfahrungen hat bereits manch einer gemacht, der mit seinem Supermarkt-Einkauf im Papiersackerl in einen starken Regen gekommen ist. Das aufgeweichte Papier reißt - und was dann? Präventiv immer ein Stoffsackerl mit sich führen? Es wird kompliziert.

Nicht, dass ein plastikfreies Leben unmöglich wäre: Bis tief in das 19. Jahrhundert war das Leben kunststofffrei, dennoch hat Goethe den "Faust" gedichtet. Die Polymerchemie ist eine Entwicklung der 1920er Jahre, der heutige Plastikrausch beginnt in den 1950er Jahren.

Plastik ist der ideale Werkstoff: Mühelos ist er in jede Form zu bringen und in allen Härtegraden herstellbar: Weich, biegsam, formbar, hart, elastisch - was man braucht, ist mit Plastik erreichbar. Längst steckt es im Kinderspielzeug ebenso wie in Kosmetikprodukten, und man braucht nur den Blick über eine normale Wohnungseinrichtung schweifen zu lassen: Welches sind die ganz und gar plastikfreien Zimmer? - Man wird sie vergeblich suchen. Der Alltag ist fest an das Plastik gebunden.