Ignaz Ephrussi auf einem Foto von Franz Xaver Setzer im Jahr 1919. - © Archiv Setzer-Tschiedel/Imagno/picturedesk.com
Ignaz Ephrussi auf einem Foto von Franz Xaver Setzer im Jahr 1919. - © Archiv Setzer-Tschiedel/Imagno/picturedesk.com

Wien. Das Fotoarchiv "Setzer Tschiedel" spiegelt wie kaum ein anderes den Wandel der Wiener Gesellschaft. Nun soll dieses einzigartige Archiv, ideell unterstützt vom Wiener Jüdischen Museum, mithelfen, speziell den Vergessenen und Vertriebenen ihr Bild zurückzugeben und daran zu erinnern, in welchem außerordentlichen Maß die Kultur der österreichischen Hauptstadt vom jüdischen Bürgertum und von jüdischen Künstlern geprägt war: Ein Team um Wolfgang Tschiedel hat jüngst mit der Digitalisierung und Aufarbeitung des Bild- und Katalogarchivs des zwischen 1911 und 1979 in Wien-Neubau existierenden Fotoateliers "Setzer Tschiedel" begonnen.

Tschiedel ist Eigentümer der Hinterbliebenschaft des Ateliers mit rund 24.000 Glasnegativen - zu einem guten Teil Porträtfotos der Reichen und Wichtigen aus den Jahrzehnten ab 1911. Digitalisiert werden zunächst die Aufnahmen von rund 4500 Personen aus den Jahren 1911 bis 1939. "Wir haben das Glück, dass nicht nur die Platten erhalten sind, sondern auch alle Bücher", sagte Genealoge Georg Gaugusch bei der Präsentation des Projekts im Jüdischen Museum. Dadurch ließen sich - neben den Aufnahmen und Aufzeichnungen der berühmtesten Porträtierten wie Stefan Zweig, Arthur Schnitzler etc. - viele bereits vergessene Personen des Wiener Großbürgertums der Zeit des Ersten Weltkrieges und der Zwischenkriegszeit wieder in Erinnerung bringen. Bei einem großen Teil handelt es sich um Angehörige des jüdischen Bürgertums und somit einer für Wien bestimmenden Gesellschaftsschicht, die schließlich vom NS-Regime vertrieben oder ermordet wurden.

Unter den Kunden des Ateliers befanden sich auch die Mitglieder der Bankiersfamilie Ephrussi, etwa Ignaz Leo Karl Ritter von Ephrussi, dessen "Hase mit den Bernsteinaugen"-Netsuke durch Edmund de Waals Bestseller weltbekannt wurde. Auch Charlotte Bühler, eine der berühmtesten Psychologinnen, oder der Biochemiker Fritz Lieben befanden sich unter der Klientel wie Max Reinhardt, Giacomo Puccini oder Richard Strauss.

Doch nicht immer dokumentieren die Fotos künstlerischen Glanz: So fand man auch Porträts von Personen in NS-Uniform aus der Zeit vor dem "Anschluss" im Jahr 1938, also von illegalen Nationalsozialisten. Aber "die Prominenten hatten immer mit Theater und Oper zu tun. Mit ihnen wurde der Fotograf berühmt. Dann kam die Gesellschaft", sagte der an dem Projekt beteiligte Fotohistoriker Gerald Piffl, Produktmanager des APA-PictureDesk. Die Aufarbeitung des Archivs ist erst zu zehn bis 20 Prozent ausfinanziert. Sponsoren werden gesucht.