Zu Klassikern geworden: Bertolt Brecht (r.) mit dem Komponisten Dmitri Schostakowitsch. - © afp
Zu Klassikern geworden: Bertolt Brecht (r.) mit dem Komponisten Dmitri Schostakowitsch. - © afp

"Brecht bleibt", konstatiert Tom Kindt auf Seite 142 seines Buchs "Brecht und die Folgen" - aber, möchte man einwenden, er ist viel kleiner geworden. Und, was Kindt zwar nicht wörtlich schreibt, der Leser sich aber denkt: Die direkten Brecht-Nachfolger verschwinden zusehends von den Bühnen. Peter Weiss "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats", Max Frischs "Andorra" - das waren doch eigentlich, so lange ist es nicht her, Repertoire-Dauerbrenner.

Eine Bedeutungsverschiebung hat wohl auch bei Brecht selbst stattgefunden, nämlich vom Drama auf die Lyrik, wie schon der deutsche Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki anmerkte. Gut getan hat das dem Erfolg Brechts nicht, wofür der Autor selbst nichts kann. Es ist dem beklagenswerten Umstand geschuldet, dass nur wenige Lyrik lesen - nicht einmal dann, wenn sie so zugänglich ist wie die Brechts.

Tom Kindt, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen und Autor einer Einführung in die Erzähltheorie, hat sich mehrfach mit Brecht befasst. Seine jüngste Arbeit zum Thema ist glänzend geschrieben: 153 Seiten über Brechts Stil, seine Schreibtechnik in Lyrik und Dramatik, seine Theorien und das Weiterleben im Werk anderer Autoren wie etwa Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Heiner Müller und anderen.

Literatur und Charakter

Einen kritischen Umgang mit Brechts Theorie des epischen
Theaters scheint Kindt von vornherein ausgeschlossen zu haben, obwohl er einen spannenden Ansatz liefert, nämlich den Fall "Dreigroschenoper", in dem die eigentlich verbannte Kulinarik den Erfolg des Werks bedingte. Brecht, analysiert Kindt, strengt wegen der Verfilmung einen Urheberrechtsprozess an, den er verlieren will, um wenigstens damit die Mechanismen des Kapitalismus zu entlarven - also nachzuholen, was ihm im Werk nicht gelungen ist.

Kindt weicht dabei der Frage aus, ob sich die Dramen Brechts, die bis in die Gegenwart gespielt werden, nicht gerade deshalb behaupten können, weil sie gegen die Maximen des epischen Theaters verstoßen. Die im epischen Theater verpönte Identifizierung des Zuschauers mit dem Helden nämlich ist etwa in "Mutter Courage", im "Kaukasischen Kreidekreis" oder in "Herr Puntila und sein Knecht Matti" durchaus möglich, während Stücke wie "Die Horatier und die Kuriatier" praktisch verschwunden sind.

Versteht Kindt es glänzend, Aspekte der Biografie Brechts und der Entwicklung seines politischen Denkens mit dem Werk zu verknüpfen (etwa im Fall des de facto zweimal geschriebenen "Leben des Galilei"), bleibt er doch nicht bei Brecht stehen: Ihm kommt es auch auf die Folgen an. Auf wen hat Brecht wie eingewirkt? - Direkt auf Frisch etwa, während Dürrenmatt sein Theater aus einer unterschiedlichen Position heraus entwickelt, ohne Brechts Konzept zu verwerfen.

Der Einfluss von Brechts Dramentheorie auf das zeitgenössische Theater stand dabei ohnedies nie außer Frage - umso interessanter sind die Beziehungen, die Kindt zwischen Brecht und den Liedermachern klarlegt. Brecht war überzeugt, Lyrik müsse Funktion haben, also mitteilen oder zumindest als Lied singbar sein. Verbindende Linien also zwischen Brecht und Bob Dylan, zwischen Brecht und Wolf Biermann, zwischen Brecht und Udo Lindenberg? - Speziell die Szene des deutschsprachigen Popsongs: Wo wäre sie ohne die Modelle von Brecht? Auch Brechts Einfluss auf die neue Lyrik, etwa Hans Magnus Enzensberger (den schon Karlheinz Deschner seinerzeit feststellte) oder Peter Rühmkorf geht Kindt nach - muss man ein eingefleischter Liebhaber von Lyrik sein, um sich davon mehr zu wünschen?

Insgesamt ein fabelhaftes Buch über Brecht und die Auswirkungen - empfehlenswert für alle, die etwas mehr über einen der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren und seine Einflussnahme auf die Literaturgeschichte erfahren wollen.