- © : Irma Tulek, Quelle: cc, adobe stock/saint_antonio, getty/culture club, bettmann
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Brexit ohne Ende: Im "Prozess" formulierte Franz Kafka die Idee, man könne ein Urteil zwar nicht vermeiden, aber man könne es so lange verzögern, bis die Verzögerung der Vermeidung entspricht. In diesem Sinn hat der Brexit etwas Kafkaeskes. Wobei eine Komponente bisher wenig ins Bewusstsein gedrungen ist, durch die sich die Handlungsweise der Briten zumindest zum Teil erklären lässt. Beim Brexit geht es auch um etwas, das die EU-Verhandler möglicherweise unterschätzen: nämlich ein britisches Brexit-Narrativ, das den Briten gestattet, ihre Häupter weiterhin erhoben zu tragen.

Narrative sind älter als die Wortschöpfung selbst, die auf den postmodernen französischen Philosophen Jean-François Lyotard zurückgeht. Ihm folgend, bezeichnen die Sozialwissenschaften als Narrative Erzählungen, die aufgrund ihrer Strahlkraft eine wie auch immer definierte Gruppe verbinden. Charakteristische Beispiele für politische Narrative sind etwa für Frankreich das "Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit" der Revolution, für die frühere Sowjetunion die Große Sozialistische Oktoberrevolution oder für die USA die Mondmission, bei der sich die Nation hinter John F. Kennedys "nicht weil es leicht zu erreichen ist, sondern gerade, weil es schwierig ist" versammelte.

Strahlkräftige Erzählungen

Narrative sind Erzählungen, die eine gemeinsame Anstrengung heroisieren und mythisieren. Narrative können auch verändert und ausgetauscht werden, wenn sie ihre Strahlkraft verlieren. Das Narrativ vom Friedensprojekt EU etwa greift heute nicht mehr wirklich. Das mögliche neue Narrativ eines in der Aufnahme von Flüchtlingen und Migranten moralisch überlegenen Staatenbundes ist an den Widerständen zahlreicher Mitgliedsstaaten gescheitert, die ihrerseits kein taugliches nationales Narrativ dafür finden konnten oder wollten.

Die britischen Narrative weichen von den kontinentaleuropäischen zumindest in einem Punkt wesentlich ab: Die geografische Position als Insel schafft von vorneherein andere Voraussetzungen. Die Splendid Isolation galt für das Selbstverständnis Großbritanniens selbst dann, wenn sie nach außen hin aus politischen oder wirtschaftlichen Erwägungen aufgegeben wurde.

Britische Narrative bezogen sich in der Geschichte auf die Einheit von Kirche und Krone in der Church of England, auf die Macht des Parlaments und auf das überzeitliche Charisma einzelner Königinnen und Könige, etwa Heinrichs VIII oder Victoria. So ist es kein Zufall, dass der Krönung von Elizabeth II. ein Elisabethanismus-Rausch folgte: Mit der brückenschlagenden Verklärung von Elizabeth I. wurde ein neues goldenes Zeitalter Großbritanniens heraufbeschworen. Auch Margaret Thatcher verstand es, ihre Politik in Narrative zu kleiden und den Falklandkrieg als nationale Notwendigkeit zu etikettieren, folgend dem Narrativ "Rule Britannia", das ohnedies das konstanteste ist, seit der Inselstaat dank seiner Flotte zur weltumspannenden Kolonialmacht aufgestiegen war.