Paris. Seit Monaten hagelt es Hohn und Spott. Der russische Regisseur Ilya Khrzhanovsky wollte angeblich in Berlin die Mauer wiederaufbauen, um dort eine Art Sowjet-Disneyland zu errichten. Mit einem speziellen Handy sollte man durch ein Labyrinth von Räumen und Situationen gelotst werden, mal die (erfundene) Realität auf sich wirken lassen, mal sich einen Teil der zahllosen Filme ansehen, die Khrzhanovsky gedreht hat - in einem Zeitraum von über eineinhalb Jahren an einem geheimen Ort, wo Hundertschaften von Akteuren das Retro-Russland bereits vorgelebt hatten und dabei konsequent überwacht - also gefilmt - wurden. Finanziert von einem Oligarchen, kolportierter Kostenpunkt: umgerechnet 60 Millionen Euro. "DAU" handelt vom Physik-Nobelpreisträger Lev Landau, der ein ebenso kreativer wie sektiererischer Kopf war, die Film-Partie spielt Teodor Currentzis, bestens bekannt als guruhafter Dirigent unter Genieverdacht.

Berlin sagte njet

Berlin sagte nach einigem Hin und Her njet zu DAU und so zogen Khrzhanovsky und sein Team weiter nach Paris. Die Eröffnung ging ziemlich daneben, das Théâtre du Châtelet blieb erstmal zu, obwohl dort die aufwendigsten Räume zu sehen sein sollten. Gegenüber dem Châtelet steht der zweite Spielort, das Théâtre de la Ville, beide Häuser werden gerade saniert und sind für DAU inzwischen teilweise geöffnet. Dazu gibt es im Centre Pompidou eine Art Atelier, in dem ein seltsamer Wissenschafter (ein Dau-Double?) lebt und arbeitet und sich beobachten lässt.

Aber der Reihe nach: Am letzten Donnerstagnachmittag ist der Andrang gering, trotzdem dauert es grotesk lange, ein Visum zu erhalten. Ja, nur so kommt man hinein - mit einem laminierten Dokument und seinem Ausweis. Zuvor müssen Fragen nach Werten, sexuellen Vorlieben etc. beantwortet werden. Dann gibt es ein spezielles Smartphone, das einen ganz individuell lotsen soll. Am Ende stehen Begegnungen mit echten Schamanen, Rabbis oder Priestern für ein persönliches Feedback.

Dem Rezensenten blieb aus unerfindlichen Gründen die peinliche Befragung erspart, auch das Finale fand nicht statt. Es funktioniert überhaupt vieles nicht so recht. Mal gibt es Smartphones, mal nicht. Mal werden die gezeigten Filme (man spricht vorwiegend Russisch) auf Englisch oder Französisch untertitelt, mal mittels Smartphone übersetzt, dann wieder gar nicht. Es ist ein reichlich chaotisches Unternehmen, das einem erst mal viel Geduld abverlangt. Doch wenn man sich langsam orientiert hat und sämtliche Erwartungen ablegt, wird die Sache interessant.

Sowjetschick-bekleidet

Gerade sah man einen ziemlich heftigen Film, in dem eine junge Dame wilden, echten Sex hat, um dann buchstäblich wie ein Schwein abgeschlachtet zu werden. Drei Räume weiter findet ein Elektro-Konzert statt, bei dem man im riesigen, schrundig schmuddeligen Zuschauersaal des Théâtre de la Ville sitzt, über dem Orchestergraben hängt ein Spiegel, auf dem man die Musiker und ein Feuerwerk von Effekten sieht.

Ein paar Räume weiter hört Dau, alias Teodor Currentzis (der in einem anderen Film seinem wohl wichtigsten Hobby frönt - nämlich junge Pionierinnen zu vernaschen: "jede Frau ist ein Universum"), dem in Salzburg bestens bekannten Regisseur Peter Sellars zu, der einen Vortrag über physikalische Formeln und den Buddha der Barmherzigkeit hält. Auch der Performancekünstlerin Marina Abramovic begegnet man, oder Romeo Castellucci.

Manche Szenen wirken einfach nur dokumentarisch, andere Teile erzählen fast lineare Geschichten. In den beiden Theatern gibt es aber auch diverse ‚reale‘ Räume, mit säuberlich ausgepuzzeltem Sowjetschick der Stalin-Zeit. Man trifft auf (Schauspieler-)Menschen, die Wäsche aufhängen, kochen, Schachspielen, aber auch auf lebensechte Silikonpuppen. Das DAU-Restaurant bietet köstlichen Borschtsch. Einen Tag kostet er zwei, dann plötzlich vier Euro. Man isst aus Blechschüsseln mit ebensolchen Löffeln, allerdings werden zur Bezahlung Bankomat-Karten akzeptiert . . .

Realer Kunstsozialismus

Irgendwann begreift man, dies ist real existierender Kunstsozialismus: chaotisch, merkwürdig, verstörend, dann banal und öde, plötzlich wieder alle Sinne anregend. Ein so noch nie da gewesener Trip, den bisher rund 14.000 Besucher erlebt haben. Und die Schamanen? Der nachmittägige Versuch, sie zu konsultieren, scheitert. In ihrem plüschig eingerichteten Zimmer liegen sie im Tiefschlaf auf dem Sofa, ungerührt vom Trubel ringsherum.