(WT) 1815 waren die europäischen politischen Eliten zum Schluss gelangt, dass internationale Kooperation das beste Rezept sei, eine neuerliche gesellschaftliche und politische Revolution zu verhindern. Die gewaltigen Zerstörungen und Verluste an Menschenleben, die die Armeen der Französischen Revolution und ihres Erben Napoleon dem europäischen Kontinent gebracht hatten, sollten durch die Wiederherstellung der gesellschaftlichen Hierarchie und der politischen Ordnung vermieden werden. Die globale Hegemonie des British Empire hatte verhindert, dass Frieden und Stabilität in Europa durch koloniale und imperiale Konflikte gestört wurden. Die europäische Diplomatie Bismarcks war nichts anderes als der Versuch einer "Quadratur des Kreises". Die russischen und österreichisch-ungarischen Interessen, vor allem auf dem Balkan, waren langfristig nicht miteinander vereinbar.

Nach Bismarcks Rücktritt 1890 kam eine jüngere Generation deutscher Staatslenker an die Macht, die vor allem an Deutschlands Bestimmung glaubten und für das ausgeklügelte System, mit dem Bismarck das junge Deutsche Reich diplomatisch gegen seine Widersacher abschirmen wollte, nur Verachtung übrighatten. Die Briten entschieden das Wettrüsten für sich, doch ihr Argwohn vor den deutschen Flottenambitionen wurde dadurch nicht geringer.

Anfang des 20. Jahrhunderts erschien einer immer größeren Zahl von Vertretern der politischen Eliten in den europäischen Nationen der "Krieg" als eine "Befreiung", als "Freisetzung" langer aufgestauter männlicher Energie, um alle ungelösten Probleme, die seither die europäische Politik belasteten, zu lösen. Lange vor dem August 1914 wurde der Ausbruch eines umfassenden Krieges in ganz Europa von vielen erwartet - von den einen voller Hoffnung, von den anderen mit Bangen.

Der Historiker Richard J. Evans zeichnet ein umfassendes gesamteuropäisches Bild des "langen 19. Jahrhunderts" nach, das die dramatischen sozioökonomischen, technischen und politisch-philosophisch-kulturellen Veränderungen und Verwerfungen ebenso in den Blick rückt.

Ein roter Faden, der sich durch dieses Werk zieht, ist die Dar-
stellung der "Konturen der Ungleichheit", die sich in dieser
Zeitspanne veränderten, indem ältere Formen, wie die Leibeigenschaft auf dem Land, von neuen abgelöst wurden, etwa der Lohnarbeit in der Fabrik. Millionen Menschen machten auf dem Weg zur Gleichberechtigung Fortschritte, darunter in wichtigen Aspekten die Frauen, die Landbevölkerung und religiöse Minderheiten. Lesenswert.