Barack Obama, Bill und Hilary Clinton, die beiden Präsidenten der Bush-Familie, der legendäre Ex-Außenminister Henry Kissinger oder früher die Kennedy-Brüder John und Robert: So unterschiedlich diese großen Figuren der US-Geschichte auch sein mögen, in einem waren und sind sie sich völlig einig - in ihrer tief empfundenen Abneigung für einen gewissen Seymour "Sy" Hersh, der heuer 81 Jahre alt ist und für sich beanspruchen kann, Amerikas bedeutendster Aufdeckungsjournalist gewesen zu sein.

Eine beeindruckende Feindesliste für einen, der während des Zweiten Weltkrieges als Kind polnisch-jüdischer Migranten im ärmlichen Süden Chicagos aufwuchs, nach dem frühen Tod des Vaters vorerst dessen Putzerei übernehmen musste und sich nur nächtens fortbilden konnte.

Auswüchse und Exzesse

Und doch schaffte es der junge Hersh, sich im Journalismus Stufe um Stufe nach oben zu arbeiten, bei der "New York Times", dem "New Yorker" und anderen angesehenen Blättern. Der Durchbruch gelang ihm in den 1960er Jahren, als er Kriegsverbrechen der USA in Vietnam aufdeckte, darunter das Massaker von My Lay, bei dem US-Soldaten hunderte vietnamesische Zivilisten barbarisch ermordeten. Hersh’ Berichte darüber ließen die öffentliche Meinung in den USA endgültig gegen den Krieg kippen; der Abzug der Amerikaner aus Indochina war letztlich die Folge. Und Hersh bekam dafür den Pulitzer-Preis, die weltweit angesehenste Auszeichnung publizistischer Arbeit.

Nun, mit 81, hat Hersh seine Memoiren unter dem schlichten Titel "Reporter" veröffentlicht.

Es ist eine wuchtige Erzählung über Gesellschaft und Politik der Vereinigten Staaten im letzten halben Jahrhundert geworden, die weit über den Journalismus hinausführt und gleichermaßen die Auswüchse und Exzesse - von My Lay bis zu den Zuständen in den Foltergefängnissen von Abu Ghraib im Irak, die auch Hersh aufgedeckt hat - aber ebenso die Selbstreinigungskraft und das Wirken der Checks und Balances in der amerikanischen Demokratie beschreibt.

Im Gegensatz zu vielen Investigativjournalisten, die ihr Wissen von mächtigen Playern der politischen Klasse bekommen, die damit bestimmte Zwecke verfolgen, arbeitete Hersh stets mit Hilfe kleiner, unbekannter Zuträger, die irgendwelche Sauereien publik machen wollten.

Er war dadurch nie Teil des politisch-medialen Komplexes, wie viele seiner Kollegen, sondern immer ein krasser Außenseiter, dessen Stories besonders wehtaten, weil keiner der einflussreichen Player in Washington an ihrem Erscheinen interessiert war. Er war, wie die "New York Times" es jüngst nannte, der "einsame Wolf" unter den Investigativjournalisten. Was nicht nur als Kompliment gemeint sein dürfte. Denn Hersh war in der Branche nicht nur für seine tollen Stories berühmt, sondern auch für seinen schwierigen Charakter berüchtigt: lautstarke Schreiduelle mit Redakteuren, dramatische nächtliche Telefonate um einen Nebensatz und die eine oder andere vor Wut aus dem (geschlossenen) Fenster geworfene Schreibmaschine charakterisieren seinen Stil. Weswegen er auch stets früher oder später im Streit seine jeweilige Zeitung verließ.

Schöne Welt von gestern

Wer ihn in seinen Memoiren dabei beobachtet, wie er mit unzähligen aufwendigen Reisen, dutzenden Gesprächen, langwierigem Durchforsten von Archiven, Behördenunterlagen und Bibliotheken ans Ziel, nämlich an die Story, kommt, der spürt aber auch: Das ist die journalistische Welt von gestern.

Heute, also in einer Zeit, da es schon als investigativer Journalismus gilt, auf Google etwas weiter hinunter zu scrollen, wirkt der gigantische Aufwand an Zeit und Geld, der damals investigativen Reportern zur Verfügung stand, wie ein Märchen.

"Ich habe", resümiert Hersh, "den besten Job der Welt gehabt." Ein Job, den es freilich so heute nicht mehr gibt. Was leider auch Teil der Erklärung dafür ist, dass traditionelle Medien in eine Existenzkrise geraten sind.

Sachbuch

Reporter

Seymour Hersh

Ecowin, 2019, 500 Seiten, 28 Euro