• vom 15.03.2006, 11:49 Uhr

Kultur

Update: 15.03.2006, 13:54 Uhr

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Angriff der Schmetterlinge




(cai) Der Mensch zieht sich wahrscheinlich nicht so schnell um wie ein Chamäleon, aber er kann sich auch für jede Umgebung so kleiden, dass er nicht unangenehm auffällt. Stichwort Tarnkleidung. Freilich: Aas-Camouflage (Gewand in Stinkfleisch-Optik mit neckischen Maden-Applikationen) tragen wohl nur überzeugte Singles, die ihren selbstgewählten Autismus befördern wollen, und als Ameisenhaufen verkleiden sich höchstens Exzentriker, um von der futterneidigen Natur nicht als picknickendes Lebewesen erkannt zu werden. Andrea Kalteis hat jetzt aber ein brauchbares Stoffmuster entworfen. Mit dem können auch TarnAmateure erfolgreich in jedem Schmetterlingshaus diskret untertauchen. Oder eine Undercover-Schmetterlings-Verhaltensforscherin gibt sich mit dieser gemusterten Jacke und den Stiefeln (oder Wadenkorsetts) halt als ganze Schmetterlings-Kolonie aus. Und mit dem Fächer imitiert sie Flugbewegungen und lockt "Artgenossen" an.

Ebenso könnte natürlich einer, der seit Hitchcocks prophetischem Tierfilm "Die Vögel" an Schnabelparanoia leidet und unsre gefiederten Freunde für unsre Fressfeinde hält, zur abschreckenden Monarchfalter-Mimikry greifen, um Unbekömmlichkeit vorzuschützen, denn Monarchfalter lösen Brechreiz aus. Kalteis Arbeiten sind allerdings vielschichtiger. Ihre "lieben" Bilder lässt sie etwa von Inderinnen besticken, die aus Kulturstämmen kommen, die sich unter anderem durch ihre Muster auseinanderhalten. Und die Frau macht sowieso Metamorphosen wie ein Schmetterling durch. Während dieser aus der Puppe schlüpft, kämpft sie sich dauernd, völlig verwandelt, aus der Umkleidekabine.

*

Hundsgemeine Bikinis

(cai) Alle Kunst ist ja irgendwie "optisch". Und auch die Gruppenschau "Scharfes Auge" reizt den Gesichtssinn. Fast ein Sehtest für Polizisten: Jimmie Durham wechselt in seinen Selbstporträts (streng wie Passfotos) seine Identität aber künstlerisch wertvoller als die kriminell motivierten "multiplen Persönlichkeiten". Als er vorgibt, ein Denkmal zu sein, hält er sich frech minimalistisch einen Stein vors Antlitz. Das Duo G.R.A.M. schüttelt Schampusflaschen und kopiert mit ironischer Potenzprotzerei die Schauejakulationen glorreicher Sieger. Und Pierre Bismuth verhilft uns drastisch zur Erkenntnis: Wenn man einem Model den Bikini auszieht (ihn aus dem Foto herausschneidet), sieht man trotzdem nicht, was das Mädel drunter hat.

*

Blut im Fischteich

(cai) Adolf Frohner malt wie ein Fleischhauer. Oder ein Sadomaso-Chiropraktiker. Wenn er Frauen knetet und "einrenkt", ist er am inspiriertesten (und als Zeichner oft furioser als als Maler). Wenn hingegen der Hl. Franziskus den Fischen predigt (ein eigenwilliger Euphemismus für eine Unterwasser-Szene, wo eine zerstückelte Leiche Fischfutter ist), ist das richtig fad. Die Salome, die durchs Blut vom Täufer (von diesem Märtyrer der Frauenpower) watet, hat der Frohner eindeutig mehr lieb.

Galerie Steinek

(Himmelpfortgasse 22)

Andrea Kalteis

Bis 18. März

Di. bis Fr. 12 bis 18 Uhr

Sa. 11 bis 14 Uhr

Animierend weiblich.

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Galerie König

(Schleifmühlgasse 1)

Scharfes Auge

Bis 18. März

Di. bis Fr. 11 bis 19 Uhr

Sa. 11 bis 15 Uhr

Auch für Brillenträger.

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Galerie Exner

(Rauhensteingasse 12)

Adolf Frohner

Bis 27. März

Mo. bis Fr. 11 bis 18 Uhr

Sa. 11 bis 17 Uhr

Inspiriert brutal.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2006-03-15 11:49:19
Letzte Änderung am 2006-03-15 13:54:00

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