Folgt man der Begleitliteratur zur überaus erfolgreich abgeschlossenen Ausstellung "Gustav Klimt - Landschaften" im Belvedere, hat Klimt mit dem Bild "Park Schönbrunn" von 1916 nur ein einziges Landschaftsbild von Wien gemalt, alle anderen seien, soweit sie sich topographisch bestimmen lassen, Landschaften vom Salzkammergut, bzw. Gardasee und dürften in den Monaten der Sommerfrische entstanden sein.

Dieses Ergebnis ist insofern zu hinterfragen, als Gustav Klimt 1912 in ein Atelier übersiedelte mit einem ganz besonderen Erscheinungsbild und Ambiente. Er zog in einen Gartenpavillon (heute in umgebautem Zustand Feldmühlgasse 11, im Volksmund bezeichnet als Klimt-Villa) einer großen Liegenschaft - entstanden um 1860 - mit einer Villa an der Hietzinger Hauptstraße (heute Nr. 88), deren Gründe ursprünglich bis zur Auhofstraße reichten.

Kürzlich publizierte Nachforschungen konnten diese Liegenschaft durch den Artaria Plan von 1872 genau bestimmen als eine reine Sommervilla von ca. 1860, von der man zunächst in einen angelegten Ziergarten des Biedermeier mit Springbrunnen, verschlungenen Wegen und Holzpavillons kam. Im Westen des Parks führte eine ganz gerade verlaufende Allee zu einem gemauerten Pavillon (ehemals sog. "Maculan-Haus, Feldmühlgasse 9, am 28. Juni 2002 ohne Genehmigung demoliert). In unmittelbarer Nähe zu diesem lag ein weiterer, ebenerdiger Biedermeierpavillon - das spätere Klimt-Atelier. Im äußeren Erscheinungsbild gänzlich aufeinander abgestimmt, dienten diese beiden Pavillons sommerlichen Vergnügungen. Sie standen am Übergang des Ziergartens zum Nutzgarten im Norden mit Obstplantagen in blühenden Wiesen, Rosensträuchern und blühenden Sträuchern, wiederum übergehend zu Feldern bis zur Auhofstraße und zum Westen hinaus.

Dem Artaria Plan folgend wird somit Unter St. Veit als bedeutendes Erholungsgebiet für Wien im Biedermeier ausgewiesen mit einer ganz spezifischen - bisher noch nicht nachgewiesenen - Form der reinen Sommervilla und Gartengestaltung mit Gartenpavillons für sommerliche Unterhaltung im privaten Kreis - im Gegensatz zu den öffentlichen Vergnügungsetablissements (Neue Welt). Ziergarten, Nutzgarten und Felder folgten aufeinander, das Areal Feldmühlgasse bot dazu noch als einziges den Blick über die Felder im Westen bis zum Wiener Wald am Horizont.

So vereinigte das Biedermeierareal Feldmühlgasse, das von den 1872 eingezeichneten Liegenschaften mit über 18.000 m² Grund den größten Komplex bildete, in einem Standort alle nur möglichen Arten der Garten- und Landschaftsgestaltung im Biedermeier bis hin zum Blick auf die von Menschenhand unveränderte Natur des Wiener Waldes.

Als Gustav Klimt 1912 das ebenerdige Gartenhaus zu seinem Atelier adaptierte, war die ursprüngliche Biedermeierstruktur der Gesamtanlage noch unversehrt erhalten, und nicht die Enge des gemütlichen Hauses, sondern die Weite und Vielfalt der Gartenanlage wird den Ausschlag zur Atelierwahl gegeben haben.

Die Feldmühlgasse selbst konnte auf Grund des reichen Urkundenmaterials als Biedermeiervorstadtstraße wiedererstehen, wie sie zu Klimts Zeiten noch bestanden hat, als enge Gasse mit Biedermeierbürgerhäusern mit bunten Gärtchen und Balkonen im ersten Stock, die über die Fahrbahn ragten und so eine gemütliche Kommunikation über die Gasse ermöglichten, während ebenerdig Handel und Handwerk der täglichen Arbeit nachgingen.

In dieses bürgerliche Leben eingebettet lagen Kleinodien von Architektur und Gartenbaukultur, wie z.B. der Gartenpavillon Feldmühlgasse 10 in Form eines korinthischen Tempels mit kannelierten Stucksäulen, von dessen Art es in Wien nur wenige gab. Er stammte aus der Zeit des Theophil Hansen und wurde im Volksmund Maria Theresia Schlössel genannt.

Die zugehörige Villa Hietzinger Hauptstraße 80 ließ 1906 Kaiser Franz Joseph für seine Enkelin Elisabeth und deren Gatten Otto Graf Seefried auf Buttenheim erwerben. Noch heute wissen Nachkommen von Zeitzeugen zu berichten, daß der Kaiser am Freitag gegen 12 Uhr mit einer kleinen Karosse zum Besuch der Enkel und Urenkel vor der Villa vorfuhr - bestaunt von der Bevölkerung.

Auch die Feldmühle - 1364 erstmals erwähnt -, nach der die Gasse benannt worden war, bestand noch bis 1914.

Diese Biedermeieratmosphäre - Gustav Klimt vertraut durch sein Geburtshaus in Baumgarten - suchte er schon bei der Wahl seines Ateliers in der Josefstädter Straße und fand sie ebenso wieder in der Feldmühlgasse, hier in harmonischer Vermischung von Alltagsleben und großbürgerlichen Sommerfrischevergnügungen, von denen er sich in die Einsamkeit seines Gartens zurückziehen konnte, ganz am Rande der Großstadt gelegen und doch nahe beim Zentrum Wiens. Daß dieser außergewöhnliche Garten nachhaltige Wirkung auf Gustav Klimt ausübte, ihn in seinen Bann zog und sein Schaffen beeinflußte, zeigt das Landschaftsbild "Obstgarten mit Rosen", in niederösterreichischem Privatbesitz. Es entstand 1912, kurz nach dem Umzug in die Feldmühlgasse und ist nicht - wie bisher angenommen - in der Sommerfrische gemalt worden, sondern im Ateliergarten. Ein Vergleich der Photos von Klimts Freund Moriz Nähr von Atelier und Garten mit dem Kiesweg zum sogenannten "Maculan-Haus" mit der Beschreibung des Ateliers durch Egon Schiele bald nach dem Tod Gustav Klimts beweist, daß das Gemälde den Blick aus den Westfenstern des Hauses auf Apfelbäume und Rosensträucher mit breitem Kiesweg eingefangen hat. Die örtliche Situation wurde durch eine Zeitzeugin bestätigt, die als Kind im Rosengarten spielen durfte. Das Bild ist in Unter St. Veit gemalt, und der Zeitansatz läßt sich genau bestimmen auf Juni bis Anfang Juli 1912, also vor der Abreise Klimts in die Sommerfrische. Die altrosa blühende, gefüllte Rose, von der sich noch ein Strauch erhalten hat, blüht im Juni/Juli und desgleichen sind die grünlich-gelben Klaräpfel zu dieser Zeit reif.