• vom 25.09.2009, 14:03 Uhr

Kultur

Update: 25.09.2009, 14:04 Uhr

Unabhängig und weltoffen: Der vielfach ausgezeichnete Wiener Picus-Verlag wird heuer 25 Jahre alt

Aufklärer und Schatzfinder




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Von Ingeborg Waldinger

  • Einst waltete ein König in Laurentum, von göttlicher Abstammung und seherischer Natur. Picus war sein Name. Es zog ihn zu den Quellen - und die anmutigen Nymphen zu ihm. Deren Schönste erwählte er zur Frau. Auch Circe umgarnte den Göttlichen (Sohn des Saturn, Vater des Faun), doch der wies ihr Werben zurück. Und fand sich alsbald in einen Specht verwandelt. Mythen, nichts als Mythen. Bloß eine Annäherung an die Wahrheit, bloß ein Bild, aber eines von Bestand.

Und was ist Picus, der Specht, wirklich? Er ist ein Ans-Licht-Holer - und ein Vertiefer: Unermüdlich klopft er gegen Baumrinden, um Nahrhaftes hervorzupicken, oder um Nisthöhlen zu bauen. Mit Ausdauer und Gefühl zimmert er seine Welt. Solcherart leben auch Dorothea Löcker und Alexander Potyka: 1984 legten sie das Fundament zu ihrer Welt - und nannten sie emblematisch nach dem unermüdlichen Vogel: Der Wiener Picus-Verlag war geboren.


Der Buchspecht setzte sogleich auf Programmvielfalt und blieb diesem Prinzip bis heute treu. Picus startete mit fünf (heute vergriffenen) Titeln: einem über Architektur und vier Büchern für ganz junge Leser. Die Verlagsgründer schöpften aus reicher Branchenerfahrung. Dorothea Löcker hatte bereits den Löcker-Verlag mit gegründet und dort ihr grafisches, gestalterisches Talent eingebracht; als Tochter des Schriftstellers Reinhard Federmann (1923 - 1976) hegt sie überdies eine gleichsam genuine Liebe zur Literatur.

Alexander Potyka hatte nach seinem Studium der Publizistik und Pädagogik als Übersetzer, Lektor und Redakteur für deutsche und Schweizer Verlage gearbeitet. Potyka: der Name steht auch für eine Wiener Architekten-Dynastie - was den Themenschwerpunkt der ersten Picus-Sachbücher erklärt: "Pflegehausfall Althaus" (ein Handbuch zur Erhaltung und Sanierung von Altsubstanz) und "Der Hang zur Verwilderung" (ein Plädoyer für die Verwilderung als ästhetisch-ökologisches Gestaltungsprinzip). Lässt sich das Werk des Verlegers mit jenem des Architekten vergleichen? Ja, meint Alexander Potyka: In beiden Fällen gehe es um eine glückhafte Kombination von Intuition, Ästhetik und Technik.

Keineswegs zufällig setzte man auch auf das Kinderbuch: Dorothea Löcker, zweifache Mutter, konnte dem überpädagogisierten deutschsprachigen Angebot ebenso wenig abgewinnen wie Alexander Potyka, der gleich selbst zur Feder griff und "Das Glashaus in der Nashorngasse" oder "Willi, das Sonntagskind" schrieb. Dorothea Löcker indes illustrierte das Buch "Tintenseifensuppe" des österreichischen Filmregisseurs Ernst J. Lauscher - und beteiligte sich zudem an der Würzung des "Suppen"-Inhalts. Autoren spürte man alsdann im Freundeskreis auf, und bei Buchmessen. Nicht als systematischer Messe-Explorer, sondern als "Flaneur", wie Alexander Potyka anmerkt - und er hat dabei das Leuchten des glückhaften Schatzfinders im Blick.

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Dokument erstellt am 2009-09-25 14:03:52
Letzte Änderung am 2009-09-25 14:04:00


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